Scheiß´ auf´s Edelweiß! 8

8. Scheiß´ auf´s Edelweiß!

Er schloß das eine Auge, aber nicht zum Sterben, nie mehr zum Sterben oder noch lange nicht, eine kurze Weile nicht; Jahre, die man nicht zu fürchten und zu erzählen braucht, wenn es nur gelingt, sie zu leben. (aus Adolf Muschg, Albissers Grund)

Jetzt rutschte er wieder eine halbe Pobacke tiefer. Dabei hatte er sich noch nicht einmal bewegt. Er gab auf. Sollten sich doch die Geier an ihm letzen. Eine törichte Art zu sterben!

“Sag mal, soll ich Dir helfen?”, klang es vom jenseitigen Ufer des Styx. Irritiert blickte Robert nach links. Da war noch eine Welt der Lebenden, stellte er enthusiastisch fest. Martin war der Probleme endlich gewahr geworden. “Na, komm, ich nehme Deinen Rucksack!” Sprachs und lief mir nichts, dir nichts ohne den Hauch einer Unsicherheit aufrecht zum Schnee-Post-it Robert. Der gab seinen Rucksack ohne größere Komplikationen gern ab, stand auf und lief eilig hinter Martin her, der den Rucksack hinter sich her zog wie einen kackenden Bernhardiner-Rüden.

So gelangte auch Robert ans rettende Geröllufer. Und aus tausend Chorknabenkehlen drang ein säuselndes “With a little help from my friends“. Ohne es auch nur zu ahnen, hatte Martin Robert soeben das Leben gerettet. Nicht mehr und nicht weniger. War nun das Schlimmste endlich hinter ihnen? War das die Situation in der Martin durch einfaches Unterlassen die Welt hätte retten können?

Eilig verließen sie diesen debakulösen Ort. Einige Schritte weiter betraten sie den grünen Teppich26a.jpg (42160 Byte) einer Wiese. Der Steig geriet zum Trampelpfad und sogar erste Insekten tummelten sich in der Sonne. Gegen alle Erwartung empfing sie im nächsten Seitental kein Schnee, sondern ein sprudelnder Gebirgsbach. Eiskaltes, klares Wasser perlte in mächtigen Schüben an ihren Füßen vorbei. Keine Frage, hier war der beste Ort für eine Rast. Sie spürten, daß es nun nicht mehr schlimmer kommen würde. Neben einem kleinen Bachkatarakt walteten sie des Weihtums frischer Äpfel, die sie mit ins Gebirge geschleppt hatten. Über ihnen türmte sich noch immer bedrohlich das steile Schesaplana-Massiv in den blauen Himmel. Nichts in der Welt würde sie wieder dorthin bringen!

Doch trotz aller Erschöpfung, des desolaten Materials und der Ohnmächtigkeit ihrer Situation war ihre Freundschaft nun fest wie nie. Sie sprachen nicht darüber, aber ihre Augen sprachen Bände. Eine Viertelstunde saßen sie am Bach und relaxten. Und endlich ging es ihnen wieder richtig gut.

Obwohl sie an Äpfeln vom Baum der Erkenntnis nagten, konnten sie sich noch immer nicht erinnern, wie sie in diese gefährlichen Lagen gekommen waren.

Da ja auch Momente der Glückseligkeit nie lange anhalten, war es ihnen klar, daß sie ihre Pause auch nicht zu lange ausdehnen durften. Zwei Fußpaare (mindestens eines davon schäbig bandagiert) kletterten über den Bach, dann eine Kehre hinauf und endlich lag die erste Alm zu ihren Füßen. An dem Grün konnten sie sich gar nicht satt genug sehen. Und am unteren Ende der Alm führte noch ein Weg durch die menschenlose Landschaft. Auf ihn hielten sie zu. Mitten über die Wiese, mitten durch die Sonne. Bienen summten ihre Liedchen, Schmetterlinge übten in der Luft Eiskunstlauf. Bald hätten sie es geschafft. Der Bergtod hatte seine Sense geschultert und sah ihnen wehmütig hinterher.

27a.jpg (46709 Byte)Robert hatte sich ja mal wieder mächtig in die Riemen gelegt…

Hier der Rest seiner Schuhe.

Und dann sahen sie endlich die Schesaplana-Hütte vor sich liegen. Zum Greifen nah, und dennoch zum Greifen zu weit. Die Baumgrenze hatte sie wieder. Selten hatten sie sich so über einen Schwarm Mücken gefreut, wie über den, welchen sie im Schatten der Bäume fanden. Ihre Laune war wie ein heliumgefüllter Ballon nach oben gestiegen. Von Erschöpfung eigentlich keine Spur. Sechs Stunden waren sie durch Gesteinsformationen geklettert, die sie nie auch nur annähernd als real existierend anerkannt hätten. Und alles ohne Steigeisen und Seil. Sie waren nur mit ihrer Jugend bewaffnet dem Tod auf die Schaufel geklettert und dann wieder herunter. Selten hatten sie sich über einen Gastronomiebetrieb so gefreut, wie über diesen.

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Ja, sie hatten wirklich Glück gehabt. Noch nicht einmal das Objektiv zersprang…

Die Biertische standen völlig vereinsamt in der Sonne. Alle Bergwanderer waren anscheinend noch unterwegs. Vor einem Schuppen stand dort eine Tränke. Ihren Rand verzierte Robert mit den Resten der einst hehren Bergschuhe, mit denen er in die Bergtour gestartet war. Sie waren nicht mehr zu retten. Kaum hatte er die Kompressionsriemen losgebunden, fiel das Leder auch in sich zusammen. Aber sie hatten ihn noch immerhin aus den Bergen herausgeholt. Er konnte sich ins Tal retten. Und seine Zehen spürten das süße Glücksgefühl des über Feindesland abgeschossenen Jagdfliegers, der es noch an den heimatlichen Strand geschafft hatte. Nur die Kompressionsriemen zeigten nicht einmal die Spur einer Abnutzung, abgesehen von eingetretenem Dreck.

Daran hätte niemand gezweifelt, daß sie sich ein Radler verdient hatten. Und dem jungen Aushilfs-Wirt erzählten sie natürlich betont gelassen von ihrem Weg durch die Hölle. Kein Wort von Lebensrettung. Man war ja unter professionellen Bergbewohnern gelandet. Die konnten bestimmt nur müde lächeln. Gegen die waren unsere beiden Helden nur Drittligisten. Darum verlagerten sie ihre Ausführungen auf geziemendes Schweigen. Klar, hier und dort mal ein Hinweis, daß der Weg dort oben in der Wand teilweise weggerissen war von Erosion und Lawinen, aber eben bloß kein Drama daraus machen. War ja alles ganz normal.

Deswegen war es auch ganz gewöhnlich, daß sie Roberts Wanderschuhe der Asservatenkammer des Schesaplana-Hauses vermachten. Gewiß sind sie dort noch heute ausgestellt. Ab und an, wenn Sturm um die Steinwände streicht, wilde Wolkenfetzen über den Nachthimmel ziehen und am Kamin die letzten Gäste beim Jager-Tee zusammenrücken, hören sie dann von einem alten, greisen Wirt die Geschichte zweier Gäste, die es wider Erwarten geschafft hatten, mit diesen Schuhen den ganzen Weg von der Mannheimer Hütte bis zum Schesaplana-Haus zurückzulegen. Und die Gäste gehen dann ehrfürchtig ob dieser Heldentat in ihre Betten, darauf hoffend, niemals in so eine prekäre Situation zu geraten…

Eine ganze Stunde verbrachten sie in der Sonne, brieten ihre Wänste und konnten es noch immer nicht fassen, wo sie gerade herkamen. Immer wieder starrten sie ehrfürchtig ins Panorama des Mega-Steingartens über ihren Köpfen.

Sie hatten nun ihre weiteren Pläne etwas abgeändert. Nach Liechtenstein wollten sie immer noch. Aber danach eben nicht mehr hinauf ins Appenzeller Land. Auch mit funktionierenden Schuhen hätte ihnen der Sinn danach nicht mehr gestanden. Und so nahmen sie sich vor, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln Vaduz zu bereisen und sich dann so allmählich am Rhein entlang nach Lindau durchzuschlagen.

Doch zuerst, zuallererst, weg von diesen vermaledeiten Bergen! Robert hatte seine besten Wanderschuhe (ausgelatschte Freizeitschuhe) schon angezogen. Sie waren nun unabdingbar seine einzigen Schuhe. Und die, so schwor er sich, würde er nicht kaputt machen.

Gegen 17 Uhr brachen sie von der Hütte auf und ließen das Schesaplana-Gebirge in ihrem Rücken. Immer mit dem ängstlichen Blick zurück. Denn es hätte ja einfach um- und auf sie drauffallen können. Schon aus Rache, daß sie ihm lebend entkommen waren.

Jubilierend und dynamisch ging es fix den Feldweg hinab ins Tal. Ein lange vermißtes Gefühl war wieder zurückgekehrt. Selbstbewußtsein. Nur war es nicht mehr das gleiche Selbstbewußtsein wie vorher. Anscheinend war es auf Reisen gewesen und ist dadurch gereift. Die Welt sah nun nicht mehr ganz so groß und bedrohlich aus.

30a.jpg (29973 Byte)Nach ein paar Wegeskehren führte ein Wanderweg über Almen, Zäune und Bretter einen Bach entlang. Endlich ein Pfad, der nicht über Felsgrate, Abhänge und Gletschereis führte. Ein Weg mit Mücken, Fliegen, Bäumen, Ameisen, Hummeln. Es ging ihnen richtig gut. Nur Martin schwächelte gern etwas. Obwohl sie noch das nächste Dorf erreichen wollten, verlegte er gern seinen vorgezogenen Altersruhesitz auf einen Baumstumpf, ein Stück Wiese oder einen Stein.

Sie schworen sich, daß nur noch sie selbst sich untereinander “Weichei” nennen durften. Alle anderen mußten riskieren, daß sie ihre Rippen gerichtet bekämen.

Allmählich gerieten sie tiefer in den Wald. Wald! Welch wonnig Wort! Nur hätten sie vielleicht auf den etwas wonnigeren Weg aufpassen sollen. Der fühlte sich durch ihre Mißachtung beleidigt und war plötzlich nicht mehr da. Ratlos sahen sie die Ranken an, die sich im wegelosen Unterholz wonnig an ihre Knöchel hefteten. Sie taten das einzig Richtige. Sie gingen weiter bergab und begannen nicht damit, wild durch den Wald zu rennen.

Irgendwann brachen sie durch das Unterholz wie zwei gewaltige Trekking-Elefanten und fanden sich auf einer Straße wieder. Dabei wurden sie beinahe von einem Geländewagen überfahren. Sie pflückten sich die Kletten von den Hosenbeinen und banden einige besonders wonnig verliebte Ranken von ihren Schuhen, dann setzten sie ihren Weg fort. Talwärts, versteht sich.

Es machte sie schon neugierig, wo sie nun eigentlich waren. Als sie einen kleinen Schober31a.jpg (26918 Byte) erreichten, holte Pfadfinder-Robi seinen Kompaß heraus und verkündete mit der Inbrunst der Überzeugung: “Laß mich mal eben die Lage peilen!” Sprachs, schnappte sich die Karte, peilte wild alle Berge an, zog Linien und verkündete stolz “Hier sind wir!”.

Martin hob mißtrauisch eine Augenbraue. “Na, ich weiß nicht…”

Diese Auffassung seiner Kunst konnte Robert nun überhaupt nicht teilen. Okay, es war sehr merkwürdig, daß sie hier in der 90°-Kehre einer Kurve lagerten und er in die Mitte einer zweihundert Meter langen Gerade zeigte. Aber wer sagte denn, daß die Karte stimmte? Das fand Martin, sei nun eine sehr interessante These. Zur näheren Prüfung dachte er, wäre es gewiß gesund, sich etwas kopfschüttelnd dem Problem zu nähern. Leider half es ihm nicht und er mußte sich der pfadfinderischen Logik geschlagen geben.

Reise-Tip Nr. 11

Wenn Ihr Spießgeselle sich auf einer Reise besonders mit einem bestimmten Wissen hervortun will, glauben Sie ihm kein Wort. Er übt dann nur Selbstbestätigung ein. Lassen Sie ihn gewähren, aber glauben Sie kein Wort.

Ihre Straße führte sie jedenfalls weiter ins Tal. Sie war außerdem auch die einzige Straße, die aus dem Tal herausführte. Hinab nach Seewis, wie die Karte ihnen auswies. Wenn sie denn stimmte…

Sie liefen nun durch dunkle Nadelwälder, immer die Straße hinunter. Eher auf der Flucht, als auf dem Weg zum Ziel. Außerstande zu halten. Unschuldig spielten einige Kinder in einem Zeltlager am Fluß Krieg. Die Zivilisation kam immer näher. Bemerkenswerterweise störte sie das nun gar nicht mehr. Ihre Lektion in Einöd-Sozialisation hatten sie wirklich gelernt.

Nur eines konnte ihren Marsch nun noch stoppen. Trotz Geschwindigkeitsrausch. Man bedenke, sie waren ja mit höchstens einem Stundenkilometer durch das Gestein gekrabbelt. Nun waren sie viermal so schnell! Und keine Radarkontrolle weit und breit! Ihre vorhin noch gesträubten Nackenhaare flogen nun lässig im Wind und schwenkten Bierdosen.

“So langsam könnte ich mal was essen!”

Robert drehte sich um. Nach der kundigen Art einer Schwangeren tastete er seinen Bauch. Sein Bauch fühlte sich an wie ein Fußball. Viel Haut um noch mehr Luft. Wie hatten sie die Nahrung vergessen können? Die Kalorienreserven vom Frühstück waren längst verbraucht. Karg an Kost waren sie all die Kilometer gelaufen, geklettert, hatten gehofft, gebangt, gebetet. Nur daß sie auch gehungert hatten, merkten sie nicht…

In Sichtweite des Schesaplana, jedoch weit genug entfernt, lagerten sie sich an den Straßenrand. Es war ein sicherer Platz. Das Verkehrsaufkommen betrug 6 Autos in der Stunde, die Mücken hielten sich in Grenzen und vom Berghang rieselte Untergäriges zapfbereit herab. Martin zog den guten Trangia-Kocher aus dem Rucksack, Robert die guten Spaghetti. Inzwischen war ihr Vertrauen ineinander schon so weit gediehen, daß Robert kochen durfte, während Martin Blaubeeren für den Nachtisch sammelte. Früher wäre das nie ohne Streiterei ausgegangen. Immerhin hätte der nicht sehr technologiebelesene Robert bestimmt den Kocher zerstört. Und der Besserwisser Martin hätte bestimmt eher giftige Pilze gesammelt, als eßbare Beeren.

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Nun war es aber alles anders. Sie hatten zusammen ihre Haut durch die Hölle der Gipfelwelt gerettet. Und sie waren sogar freiwillig in diese Hölle gegangen. Aus purem Leichtsinn. Das Glücksgefühl hatte sie wieder übermannt. Das Wasser bot ihnen köstlichen Trunk, die Natur grünte. Und sie, die sie beide zuhause Kühlschränke hatten, sahen es endlich. Sie hatten Demut gelernt. Und sie fanden sich dabei gar nicht affig!

Zufrieden hockte Robert vor dem köchelnden Wasser, rührte selig in den Nudeln und holte endlich wieder den Dritten im Bunde hervor. Reiner Macallan ist nicht zu verachten, dachte er sich, und schenkte Martin auch etwas davon ein.

Bald saßen sie zum Mahle vereint, trafen sich zum Spaghetti-Thing und beratschlagten die weitere Zukunft. Natürlich nur das, was sie nun, vorsichtig geworden, noch als Zukunft zu ahnen wagten. Inzwischen war es bereits halb sieben. Sie wollten nun nur noch zum nächsten Bauern laufen und dort um Quartier bitten. Und am nächsten Tag sollte es dann nach Liechtenstein gehen. Man würde dann sehen, was morgen alles geschähe.

Viel zu rasch war ihre Mahlzeit beendet. Freudig lief ihnen das Spülen aus der Hand. Und schon setzten sie ihre Flucht fort. Immerhin würde es ja nun bald dunkel werden. Und was sie nicht wollten, war eine weitere Nacht ohne Zelt. Sie hatten es jetzt soweit geschleppt, da wollten sie es auch endlich mal aufbauen. Das stand ihnen doch zu, nicht wahr? Sie wären sich ja direkt lächerlich vorgekommen, sollten sie es nun nicht einmal aufstellen…

33a.jpg (24338 Byte)Bald fanden sie sich auf der Straße laufend wieder. Die Qualität der Straße ließ immer mehr zu wünschen übrig. Der Asphalt wich Strecken von schlammigen Baggerspuren. Sie benötigten nicht viel kriminalistisches Geschick, bis sie herausfanden, daß sie auf einer Straße liefen, die nach einem Lawinenabgang erneuert werden mußte. Beruhigende Gegend, echt.

Gegen 20 Uhr 30 erreichten sie die ersten menschlichen Behausungen von Seewis. Hier machten sie nochmalig Halt. Denn Martin plagten Blasen. “He, Du Pfadfinder. Was empfiehlst Du mir jetzt?” fragte er ein wenig höhnisch.

Davon ließ Robert sich jedoch nicht beirren. “Ist doch klar! Teebaumöl!” Und zauberte ein Fläschchen echten australischen Teebaumöls aus seinem Rucksack. Martin starrte ungläubig auf das Behältnis. “Wenn Du glaubst, ich schmiere mir so´n Schamanenzeugs auf die Füße, dann hast Du Dich aber geschnitten!” Robert lächelte kalt. “Tja, dann nehmen wir eben was Urdeutsches. Spitzwegerich!” “Spitzwege - was?” “Spitzwegerich. Wächst quasi auf jeder Wiese in unseren Breiten.” Martin war verwirrt. Ob das nun weniger schamanenhaft war? Doch ehe er zu einem vernünftigen Schluß kommen konnte, hatte sein Kumpan schon fünf Blätter Spitzwegerich gesammelt und drückte sie ihm in die Hand. “Die reißt Du jetzt in kleine Stücke, dann zermahlst Du sie in der Hand und pappst das dann auf die Blase. Die solltest Du aber vorher aufschneiden. Da packen wir dann einen Verband drauf und spätestens übermorgen ist alles weg!”

Martins Gestaune hatte einen leichten Hang zum Gaffen. Was war denn jetzt mehr Voodoo? Teebaumöl oder Spitzdingsda? Verrückter war auf alle Fälle diese Spitzwe- (”WIE heißt das?” “Spitzwegerich.”), also diese Spitzwegerich-Idee… Zumindest war sie amüsanter. Und Amüsantes hatten sie in der letzten Zeit eigentlich nur wenig erlebt.

Und so tat er, wie ihm geheißen. Ein wenig umständlich zog er sich die nasse Socke vom Fuß. Wund war die tapfere Schar seiner Zehen. Eine Nadel blitzte im Licht der untergehenden Sonne, dann tat sie ihr Werk. Zwei kurze, mystische Stiche in den Wundwasserballon, und der Saft tropfte ihm von den Zehen herab. Inzwischen hatte der Druide schon die fünf Blätter mit Wasser gesäubert und hielt sie Martin zum Kleinzupfen hin.

“Und Du bist sicher, daß das hilft?” “Absolut!”

Viel zu bescheuert. Doch welchen Stolz sollte er noch verlieren? Und vielleicht half es ja wirklich. Von einem passionierten Altenpfleger hätte er eigentlich eine kühne Notoperation erwartet. Niemals hätte er Robert für einen solchen Kräutersepp gehalten, daß er sich von ihm jemals einen so merkwürdigen Verband hätte aufschwatzen lassen. Sich immer nur noch wundernd zupfte er die Blätter säuberlich klein. Bald hielt er ein kümmerliches Häufchen Pseudo-Spinat in der Hand. Ganz ohne Blubb.

“Gut so. Und jetzt in der Hand verreiben!” Martin tat es, worauf er ein jämmerliches Häufchen durchgesicktes Chlorophyll wiederfand. Nun war er wirklich jeglichen Ruhmesliedern fern. Das grüne Etwas durfte er sich nun auf den Zehen verteilen. Zum ersten Mal keimte in Martin der Verdacht, sein bester Freund sei nichts anderes, als ein außerirdischer Fußfetischist, der nun beim Anblick grüner Zehen fast einen Orgasmus bekommt. Zumindest war der Verdacht nicht unwahrscheinlicher, als daß dieses Spitzwegezeugs überhaupt half. Die Art und Weise, wie Robert fachmännisch einen Verband anlegte, voller Sicherheit und Überzeugung nämlich, räumte die schlimmsten Vermutungen jedoch beiseite. Und mit den weniger schlimmen Vermutungen, nun ja, mit denen würde er leben können.

Reise-Tip Nr. 12

Denken Sie an ein wohlgeordnetes Erste-Hilfe-Paket… Dazu gehören: Feuerstein und Zunder, ein spitzes Ästchen, drei Blätter Spitzwegerich, Orakel-Knochen zum Werfen, Teebaumöl, Brennesselsud, Eidechseninnereien und die Sehne eines Schweinebeins.

So konnten sie ihren Weg bald fortsetzen. Die ersten Geräusche von Traktoren klangen wie Engelsgesang. Die ersten richtigen Bauern! Es war kurz nach 21 Uhr, als sie Seewis erreichten.