Im Schatten des Schesaplana 4

Und als am Fest der Heiligen Drei Könige der nackte Leib einer bekannten Opernsängerin im Schlafzimmer eines Professors für angewandte Mathematik an der Universität Cambridge entdeckt wurde (lebend), atmete die Welt erleichtert auf und war wieder, was sie immer gewesen ist: eine ziemlich mißglückte Art von Aufenthalt. (aus Bruce Marshall, Das Wunder des Malachias)

Ein lautes Scharren und Poltern weckte sie in ihrem lauschigen Zwölfpersonenzimmer. Unverbesserliche Frühaufsteher unter den Gästen packten ihre Siebensachen zusammen und drängten zum Frühstück. Zuerst machte sie das kaum neidisch. Zu sehr kämpften sie gegen ihre übersäuerten Muskeln, von denen sie teilweise bis jetzt nicht den Anschein einer Ahnung hatten, wie sie in ihren Körper gelangt waren.

Große Gefechte lieferten sie alsbald auch auf dem Schlachtfeld der Morgentoilette. Eisblockheißes Wasser versuchte ihnen garstig die Poren zu schließen, doch dank der hehren Kampfeskunst und eleganter Ausweichmanöver gelang es ihnen, schlimmeres zu vermeiden.

Doch etwas erschöpft und angeschlagen in gezwungen aufrechter Position zu Tische liegend, gewahrten sie folgendes Gespräch.

Gast: “Wie ist eigentlich das WM-Endspiel ausgegangen?”

(Eine Frage, die auch unsere beiden Helden betraf, wollten sie anfangs doch eigentlich ganz gemütlich auf einer Berghütte telemedial der Entscheidung um die Fußballkrone beiwohnen. Immerhin war ihre erste Frage gewesen, mit der sie sich verdurstend in die heiligen Hallen der Berghütte geschleppt hatten: “Haben Sie einen Fernseher hier?” Und die Frage wurde mit einem klaren “Nein!” beantwortet.)

Wirt: “3:0 für Frankreich. War ein tolles Spiel der Franzosen. Da hatten die Brasilianer keine Chance…!”

Ihnen sprang der Kitt aus den Brillen… Woher wußte der das? Warum sie nicht? Und überhaupt.

Stattliche Klumpen Brot fielen aus aufgeklappten Kiefern auf den Tisch. Martin setzte großäugig die Kaffeetasse an, vergaß aber die Lippen zum Trinken zu spitzen. Nur durch die blitzschnelle Reaktion seines Kumpanen wurde sein Schoß vor Verbrühungen geschützt. Hatte der Wirt ihnen nicht gestern noch versichert, er habe keinen Fernseher?

In ihren imperialistischen Hirnen rumorte es garstig. Bald entfernten sich eilige Schritte von der Totalphütte weg, kaum daß drei Wolken über sie hinweggezogen wären. Das Grußwort zum Wirt schenkten sie sich in dem Verlangen nach Rache. In der Gewißheit, ihn gramgebeugt zurückgelassen zu haben, erklommen sie feixend den Finalaufstieg zum Schesaplana, dabei die ersten Schneefelder querend.

Reise-Tip Nr. 6:Wenn ein Bergwirt sagt “Da habt Ihr Euch aber einen interessanten, schönen Weg ausgesucht!”, muß man alle Reisepläne sofort über den Haufen werfen. Am besten schlägt man den langweiligsten Weg ein, der ist am sichersten. Oder man kennt einen sehr guten Hubschrauberpiloten persönlich.

Zunächst führte der Weg sie sanft bergan in die Einsamkeit der Landschaft. Allerdings wurde es immer steiler, was den Anschein hatte, als versuche eine Ameise, aus der Salatschüssel wieder herauszukommen, in die sie gerade gefallen ist. Oben, am Grat lächelte ihnen schon der meterdicke Eispanzer des Brandner Gletschers entgegen. Er starrte ins Tal.

Robert begann erste leise Zweifel anzumelden, ob sie denn nun das Schwierigste schon hinter sich hatten. Mühsam wuchteten ihre ausgelaugten Körper das Gepäck bergwärts. Es schien als rutschte ihre Moral mit jedem Schritt ein wenig ins Tal. Sie entschlossen sich dazu, die hehre Aussicht zu bestaunen und ihr Glück zu preisen, daß sie die Bergtour gestartet hatten. Auch diese Lüge nahmen sie sich beide nicht krumm. Sie versuchten ja nur, sich gegenseitig bei Laune zu halten. So huldigten sie also der wahnbetörten Idee, sich auf den Gletscher zu freuen, ab da würde es ja nur noch bergab gehen.

Heiter lachte ihnen der Himmel heimtückisch entgegen…

Unter den sehr professionellen Strahlen der steigenden Sonne schleppten sie sich den ganzen Vormittag den “Wanderweg” hinan. Ihre erschöpfte Wanderung in der Höhenluft wurde nurDer Koloß auf dem Weg nach Rhodos. unterbrochen von Rinnen rieselnden Wassers, wo sie sich - möglichst immer schön obergärig - gütlich taten und einige Atemzüge zur Bergzierde erstarrten. Genaugenommen waren sie ja nur wegen des Wassers in diese Höhen gestiegen. Wenn man jetzt mal von gewissen infantilen Macho-Allüren absieht.

Und den Yeti gibt es doch!

Rechts der zehnthöchste Gipfel Österreichs mit 2965 Metern. Links daneben kann man schon den Brandner Gletscher winken sehen.

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Impression besten obergärigen Felsquellwassers

Leider stand ihnen kurz darauf das rutschige Geröll der Bergwelt in infamster Weise entgegen. Nicht daß sie das gestört hätte, nein. Hier konnten sie sich schließlich mit ihren Urängsten messen, wie es jedem harten Mann zusteht…

Daher machte ihnen das Wegrutschen im Geröllhang auch doppelt Spaß. Es war ihnen wie ein Zwang, den man nun wirklich als absolute Erfüllung aller Starallüren wahrhaft meisterhaft zu bewältigen hatte. Wer noch nicht durch alle Höllen gegangen war, hier konnte er wahren Heldenmut beweisen.

Kraftvoll hoben sie ihre Schritte bergwärts, vergaßen alles Gepäck auf ihren Schultern, vergaßen selbstverständlich auch die Müdigkeit. Die Welt war wieder eine Herausforderung. Endlich! Unerbittlich, notfalls auf allen Vieren und immer wieder fachmännisch nach Halt suchend, zogen sie sich kompromißlos dem Gletschereis über ihnen entgegen. Männer in ihrer Welt der absoluten Herausforderung. In einer Welt, die so leicht zu bewältigen ist, wenn man nur eben seiner eigenen Muskelkraft und überhaupt nur sich selbst traut!!!

Robert blickte dem Tal unter sich ins blutunterlaufene Angesicht und stellte fest, daß seine Beine doch erheblich wackelten. Und Martin fühlte sich als Fliege in einer fleischfressenden Pflanze, die immer mehr auf dem Blütenblatt abrutscht. Die nächste Gewißheit harrte ihrer Aufmerksamkeit, als sie bemerkten, daß der vorgeschriebene Wanderweg einfach einen anderen Weg eingeschlagen hatte…

Verzweifelt schauten sie sich nach Spuren um, dann befahl ihr Auge, sie mögen das Umsehen doch bitte bleiben lassen, die Tiefe mache es ganz bang, es wäre doch eine ungleich bessere Idee, immer aufwärts zu blicken. Jetzt nicht nur so, sondern auch schon rein moralisch. Die Beine traten krampfhaft auf Kneippianer Art das Geröll, dann erhaschten die Augen ein Drahtseil, ungefähr fünf Meter über ihnen. Ein wenig ungläubig ob der plötzlichen Rettung, schwante ihnen langsam, daß der Liechtenstein-Höhenweg, auf dem sie ja laufen wollten, ihnen da wieder freudig zuwinkte.

Mit der entschlossenen Kraft von Kamikaze-Schnecken robbten sie sich durch das zähe Gelump des Gerölls, bis sie, völlig außer Atem und ziemlich unehrenhaft erst eine Verschnaufpause einlegten. Inmitten des ganzen Treibsands, führte sie ein schmaler Gneisgrat relativ sicher aufwärts.

Wobei relativ sicher eigentlich eine leichte Übertreibung ist. Jetzt mal bezogen auf die Sicherheit, die das Drahtseil so vermittelte. Das hing nämlich an etlichen Stellen ziemlich durch. Manchmal 20a.jpg (33654 Byte)befand sich das gelobte Hinterteil schon weit im Tal. Hinauftreibend war eigentlich nur das Wissen, gleich den Gletscher betreten zu können. Der grinste sie mit seinem Eispanzer ja schon richtig an, war er doch auf dem Grat des Passes schon zu sehen. Alles so zum Greifen nah. Und doch so weit entfernt. Endlich eine Abwechslung im Kletter-Einerlei.

Der finale Aufstieg zum Gletscher. Das Hinabschauen fiel Robert wirklich nicht leicht.

Das Seil verließ sie auf einem sich den Hang hinaufschlängelnden Gemsenpfad, der nach zwei, drei Serpentinen endlich den Grat erreichte. Sie waren jetzt einige Meter über 2900 und stolperten nicht nur noch durch Geröll, sondern diesmal über verschneites Geröll, durch das der Weg führte. Kompromißlos. Gerade dem Geröll entronnen, den rutschigen Abgrund vor Augen, machte sie glatter Schnee auf rutschiger Unterlage nicht sehr viel ruhiger.

Und was Robert nun schon fast abgelegt hatte, fand Martin wieder. Höhenangst. Kurz vor dem Ziel verließ ihn das Vertrauen in die eigene Kraft. Aber wenn man zu zweit unterwegs ist, ist solches nur die Sache einer helfenden Hand, die einen Halt auf dem schmalen Stück geben kann.

Es kam denn auch zu zwei Pausen auf einem Stück von immerhin fünf Metern. Martin war etwas fertig mit den Nerven und der sicherheitvermittelnde Felsbrocken, an dem sie sich festhielten, bot sich zu einer Pause an, wie es die Hallig Hooge tun würde, schwämme man von Westerland nach Pellworm. In die frische Höhenluft kräuselte sich ein leichter Hauch von Nikotin und Teer. Nicht zu vergessen der ständig Robert umgebende Kondensnebel…

Robert war der erste, der den Grat erklomm und auf dem Gletschereis stand. Es wehte ein ziemlich heftiger Wind, der ihm das nasse T-Shirt am Körper schockgefror. Während er umgehend seine Kleidung wechselte, wurde er gewahr, daß das, was er von vielen Metern unterhalb für das Gletschereis gehalten hatte, in Wirklichkeit nur eine halbmeterhohe Schneeverwehung war. Und sie hatten nun Österreich verlassen und waren auf einmal in der Schweiz; ein wenig enttäuscht, daß hier keine kuhglöckigen Hornviecher sie begrüßten. Atemlos starrten sie ins Tal vor ihnen, blickten ehrfürchtig nach links, wo sich der Schesaplana noch etwas in die Höhe wand. “Wahnsinn! HIER gehe ich nicht wieder herunter. Ich habe echt Angst gehabt.” befand Martin ganz richtig. “Gottseidank haben wir das Schlimmste jetzt hinter uns. Hammer, echt! Hätte ich nicht gedacht, daß das so schwer werden würde!”

War doch echt ´n Klacks, wa?Gleichmütig bemerkte Robert “Gottseidank bin ich Atheist!” (Was er aber eigentlich nicht ist…)

Foto-Tip Nr. 1:

Wenn Sie sich mit Grenzschildern fotografieren lassen, achten Sie auf das Vermeiden von Gegenlicht!

Reise-Tip Nr. 7:

Schaffen Sie sich auf Bergtour ein umfangreiches Repertoire an anbetungswürdigen Naturgöttern, die notsituationen-kompatibel sind. So haben Sie für alle Fälle immer den richtigen Gott zur Hand. Der fühlt sich dann geschmeichelt und alles wird besser. Lassen Sie sich nicht einreden, es gäbe nur einen Gott. Das hieße nämlich, dieser wäre ein wenig sadistisch. Schickt einen erst in ausweglose Notsituationen und hat dann einen Heidenspaß daran, wie man sich da wieder herauswinden muß. Dabei hilft er natürlich gern und man bekommt leicht den Eindruck, Gott hätte ein Helfersyndrom.