Drei Höllenhunde auf dem Weg zum Himmel 1

Unterwegs im Schesaplana-Massiv. Eine Rucksack-Tour, wie man sie nicht machen sollte…

Text und Fotos: Robert Freriks

Fotos und Texte: Martin Weber

Fototexte: Reiner Macallan

1. Vollmond über Köln

“Wuff! Wuff!” (aus Henry Miller, Sexus)

Er fror nicht. Er saß nur einfach so im Schnee. Die besten Haltungsnoten würde er nicht bekommen. Da war er sicher. Das war auch das einzige. Denn seine Situation war mehr als unsicher.

Robert kannte die Zeitungsmeldungen. “Wanderer aus Deutschland in den Alpen verunglückt”, “Gletscherspalte wurde Rentnerin zum Verhängnis”, “Tourist stürzt in Schlucht”, “Urlauber in Kärnten von Wetterumschwung überrascht - erfroren”, “Ötzi - Gletschermann wird ausgestellt” usw. usf.

Er hatte selbstverständlich auch die modischen Reportagen über den selbstmörderischen Tourismus am Mount Everest gelesen. Kopfschüttelnd, wie wir alle, faul auf der Couch im gemütlichen Wohnzimmer liegend. Insgeheim hatte auch er sein Ego daran aufgebaut, daß er nicht so unvernünftig war. Und er hatte auch diesen leichten Anflug von Schadenfreude erlebt, die aus dem Neid kam, sich solch eine Reise schon aus Geldgründen nicht leisten zu können.

All diese Berichte hatte auch er gelesen. Den Trost der Tagesmedien an all jene Daheimgebliebenen, die machtlos mitansehen müssen, wenn der Nachbar dreimal im Jahr in den Urlaub fährt.

Es nützte Robert jetzt nichts, daß er ja Gott sei dank anders war. Völlig hilflos lag er auf dem Schneebrett, von Laszivität so weit entfernt wie von seiner gemütlichen Couch. Und er hätte eigentlich nur sein Horoskop lesen wollen. Wieder rutschte er etwas nach unten. Bloß nicht den Halt verlieren! Vielleicht kommt ja doch noch ein Hubschrauber vorbei.

Ihre ganze verrückte, irrwitzige Tour über hatte er nicht aufgegeben. Schon aus Prinzip nicht. Er sagte immer “Wenn das Leben zuende ist, kann man immer noch aufgeben!” Nun, sein Leben schien hier zuende zu sein, die Zeit zum Aufgeben war gekommen. Irgendwer würde irgendwann seine zerschmetterte Leiche am Ende des Schneebrettes finden, das sich beängstigend steil in die Schweiz erbrach.

Martin, der Freund, saß in der Sonne auf der anderen Seite des Schneebrettes, das sie eigentlich nur mal eben überqueren mußten und hielt die Nase ins Licht. Dessen geschlossenen Augen entging völlig die desolate Situation. Robert war auf der gemütlichen Wanderung durchs Rätikon, Liechtenstein und das Appenzeller Land in Lebensgefahr geraten…

* * *

Ein trüber Samstag schwärzte sich in ihre Gesichter und hinterließ leise Resignation auf ihren Seelen, als sie sich, mürbe von der Nacht, langsam aus dem Koma erhoben. Ein Gefühl als hätten sie drei Schrauben im Kopf, die nun munter im nicht vorhandenen Gehirn klimperten, begleitete sie auf dem Weg zum Morgen-Pipi. Dieser Drang war bisher das einzig menschliche in ihnen. Und bloß nicht zuviel Licht! Denn die Stimmung war sehr… sehr… aufgesetzt. Auch die Getränke der letzten Nacht waren sehr… sehr… aufgesetzt. Es war nicht etwa Motoröl … nein es war Martins selbstgemachter Holunderlikör. Es durchzuckte sie das Wissen, daß man sich nicht vor entscheidenden Dingen ein Delirium tremens erlauben sollte.

Aber das war nur ein kurzer Augenblick. Sie hatten es ja nur aus Vorfreude auf ihre bestimmt schöne Bergwanderung getan.

Das glückselige Gesicht eines malaiischen Halbaffen, der seine Unterhosen vergaß einzupacken.

Kaffee kochen und durch die Gegend taumeln war eins. Artistisch wichen sie auf dem Boden liegenden Ausrüstungsgegenständen aus. Es war ja auch erst 6 Uhr.

Martin sah verschlafen auf seine Armbanduhr. Vor den kaninchenroten Augen verschwamm das Zifferblatt, klarte sich wieder auf, manifestierte sich… und !rumms! schlug sich ihm mit Bahnhofsuhren-Größe um die Ohren. 6 Uhr. VERDAMMT. In einer Viertelstunde sollte ihre beschauliche Reise mit den Bummelzügen dieses Landes beginnen. Bei einer Wegstrecke von zehn Minuten zur U-Bahn-Haltestelle blieben ihnen nun noch fünf Minuten für einen geordneten und umsichtigen Aufbruch.

Von Natur aus ironische Menschen wie sie, konnten nicht ohne weiteres aus ihrer Haut. Daher taten sie so, als seien sie in panischer Eile, ließen den Kaffee halb ausgetrunken und verließen sich darauf, daß eine Kaffeemaschine mit Sicherheit ein guter Raumluftbefeuchter ist, wenn man sumpfigen Kaffee eine Woche im Filter läßt. Einen ähnlichen Effekt versprachen sie sich von dem Schweine-Geschnetzelten im Kühlschrank. Jedoch fiel da auch schon die Haustür ins Schloß und eiliges Gelaufe verhallte ungehört im Treppenhaus.

Während sich der Staub im Treppenhaus legte, setzte sich das hektische Getrappel beladener Füße auf der Straße fort. Natürlich war das Wetter erbärmlich. Das war es den ganzen Juli schon gewesen. Niemand sonst wagte sich auf die Straße. So rannten sie in aller Seelenruhe die Entfernung zur U-Bahn-Haltestelle ab, nur um sich gegenseitig Sportlichkeit vorzutäuschen.

Das Donnern der einfahrenden U-Bahn in der U-Bahn-Unterführung spornte sie zu weiteren Glanztaten an… Ohne sich um seine Herzrhythmus-Störungen zu kümmern und beinahe auf allen Vieren sprintete ein Luftzug, der unter den Armen beachtlich nach Robert roch, die Treppen hinauf. Der Rest war in unendlich vielen Bruce-Lee-Filmen einstudiert: ein beherzter Sprung, ein kehliger Schrei und Fuß voran gegen den Feind.

Der Feind - eine immerhin rotgepinselte Falttür - ergab sich dann auch kampflos und gab die Lichtschranke preis.

Nun wußten sie, die personifizierte Debilitas konnte ohne weitere Verzögerungen auf Tournee gehen…

Das Fahren mit den 35,-DM-Tickets ist nichts für schwache Nerven. Man ist umgehend geoutet als Dritter-Klasse-Fahrgast. Das ist schon so eine soziologische Halluzination. Immerhin ist die Dritte Klasse ja schon seit einiger Zeit abgeschafft, sie existiert also nicht. Rucksackreisende werden schnell mit rumänischen Gepäckwagenabteilen in Verbindung gebracht, wo sie so mancher Meinung nach einfach hingehören. Schon die Fahrt von Essen nach Köln gestaltete sich sehr kurzweilig.

Sie fanden einen Platz neben einem etwa 50jährigen Aachener Choleriker, der sich in sehr elegischen Deutungen und Selbstbestätigungen seines eigenen Lebens verrannte. Neben ihm saß, ständig aus dem Fenster starrend, eine Frau jenseits der 60. Bestenfalls seine Mutter, schlechtestenfalls seine Gemahlin. Gewandet waren sie in belebendem Grau-Braun und einem auffälligen Pastell-Ton von Braun-Grau. Er ließ nie eine Gelegenheit aus, naserümpfend auf die “Pauschalreisenden” herniederzusehen, die es wagten ihre Rucksäcke auf die Sitze neben sich zu stellen, anstatt, wie es die Höflichkeit und Etikette gebietet, sie ins nicht vorhandene Gepäcknetz zu wuchten. Sie wußten nichts über diesen Herrn, doch sein Lieblingssatz war ein bei jedweder Gelegenheit angewandtes “Darüber kann ich mich schon gar nicht mehr aufregen… - will ich auch gar nicht mehr!”, gepaart mit einer perfekt angeschminkten Gleichgültigkeit, die ihm wohl Ruhe schenken sollte. Ein aus der Anstalt geflohener Berufs-Hysteriker? Nennen wir ihn doch einfach “Herr Braun”!

Die Blicke einer Kriegserklärung trafen sie, als Martin per Handy telefonierte. “Angeber!” meinte der Homo sapiens sapiens sapiens braun naserümpfend und nicht eben leise zu seiner ergeben nickenden Begleitung. Außer bei jeder seiner Äußerungen integer “Ja, genau!” zu sagen und dann die Frage nochmal in allen Einzelheiten mit ihrem Massa Bwana Sahib Braun zu bereden, fiel auch ihr nicht ein. Das war so spannend wie Sex mit der eigenen Hand.

Als dem Kleingeist im Düsseldorfer Bahnhof schon langsam klar wurde, daß es um den Anschluß nach Aachen nicht gut bestellt war, weil ihr Zug Verspätung hatte, blieb er ruhig. Lässig knetete er sich die Fingergelenke weiß und meinte zu seiner Begleiterin, ganz Weltmann, “Dann nehmen wir eben den nächsten Zug. Darüber kann ich mich schon gar nicht mehr aufregen… - will ich auch gar nicht mehr!”

Sie schenkten Herrn Braun eigentlich keine weitere Beachtung. Er fixierte inzwischen sowieso mehr seine Uhr und harmlose Schaffner. Und sie waren zu gespannt auf die Ereignisse der folgenden Woche. Ihre Freundschaft, die nun schon ihr ganzes Leben anhielt, war noch nie bei einer Bergtour auf die Probe gestellt worden. Ihre Blicke nahmen Abschied von der Nutzlandschaft des Niederrheins, vom Ruhrgebiet.

Die Bahnhöfe kamen und gingen. An jedem Bahnsteig jedoch zuckten wilde Blicke aus einem Paar wohlsituierter Aachener Augen, die offensichtlich beim Abbremsen vor einem Bahnhof schon die Abfahrt aus demselben nicht mehr erwarten konnten. Herrn Brauns krähwinklige Ratio erwies sich als nicht sehr eisenbahnerfahren. Ach, es war so herrlich kleinbürgerlich! So unwichtig! Und sie fuhren in die Freiheit! Der Alltag jammerte ihnen noch einmal richtig die Ohren voll und erhöhte ihren Genuß, diese Schranken zu durchbrechen. Sie metamorphierten zu Old Weberhand und Robitou. Oh, herrliche Jugend!

2a.jpg (29959 Byte)Sollte er vielleicht Martin die Unterhosen stehlen?

Ihre erste Etappe endete in Köln. So richtig aus dem Zug trauten sie sich aber nicht. Die Tür war blockiert von einem werwolfhaften Wesen, das den Schaffner gefährlich anknurrte. Nennen wir es doch einfach “Canis braun lupus!” Es strich unruhig im Türbereich umher und verbreitete Schrecken. Bruchstückhaft hörten sie etwas von “Anschluß”, “Aachen” und “Scheißbahn” durch gefletschte Reißzähne blaffen. Endlich gingen die Türen auf, das gräßliche Wesen nahm eine Mitreisende als Wegzehrung mit und verschwand in der Menge auf dem Bahnsteig. Es schien, Canis braun lupus habe einen gewissen Hang zu abgehangenem Fleisch. Seine Wegzehrung war nämlich bestimmt schon jenseits der 60…

Sie konnten ihre mit Knoblauchpastillen geladenen Erbsenpistolen wieder in die Halfter stecken. So eine Bahnfahrt kann ja doch ziemlich gefährlich sein…

Reise-Tip 1:Schaffen Sie sich kurz vor der Fahrt ein gutes Verhältnis zu Großmüttern. Die kennen die Strapazen einer so langen Reise und wissen am besten, was sie nun brauchen: VIEL NAHRUNGSMITTEL. Bewährt haben sich Knoblauchbaguettes und geweihte Silberzwiebeln. Nehmen Sie aber Abstand von aufgesetzten Schnäpsen!

Die Schienen der Nebenstrecke flogen am Fenster vorbei. Ein Parallelogramm der Reiselust. Es führte weiter südwärts auf Frankfurt zu, vorbei an den Schubverbänden der Rheinschiffahrt durch die wirklich schöne Landschaft dieses Flußtales. Auch wenn Martin ständig fade Bemerkungen über diese “kleinen Hügelchen” machte, waren sie doch majestätisch anzusehen. Die romantischen Sagen um die Loreley, das Nibelungenlied, Heldensagen aus uralter Zeit; hier verdichteten sie sich zu Verständnis und Achtung.

Das Einstürzen des Bergwerkes paßte nun aber nicht hierher. Es störte den Kontext zwischen Sagen und Burgen, riß die Reisenden aus Rittertum und Glanz. Erschreckt sahen sich alle um. Stürzende Felsbrocken verursachten einen Heidenlärm! Das Kreischen zerdrückter Bergwerksstempel steigerte sich zu einem Furioso. Die älteren Mitreisenden faßten sich an die Herzen und riefen nach den Heiligen St. Doppelherz und St. Biovital, die jüngeren verschränkten die Arme über den Köpfen. Die mutigen sahen sich panisch um, bis im Schnittpunkt aller Blick-Geraden ein kümmerliches Häuflein Elend mit hochrotem Kopf saß. Martin!

“Tut mir leid! Mein Magen grummelt immer so, wenn ich Hunger habe!”

So setzten sie ihre Fahrt in einem tiefen Graben sozialer Kälte fort. Alle anderen Pauschalreisenden sahen sie sehr geringschätzig an. Gewisper überall. “Wie kann man sich nur so gehen lassen…” Etc. pp. Niemand aber steckte Martin ein Bütterchen zu, sein Leid zu lindern, nein. Nun begriffen sie das Entstehen des Räubertums beidseits des Rheins

Frankfurt.

Bankenmetropole am Main. Schauplatz großer finanzieller Transaktionen, Pulsmesser des DAX, Hodensack des Geldadels. Und Bühne eines großen tragischen Geschehens…

Um die Mittagsstunde fuhren sie dort ein, begleitet von einer Unzahl Reisender und einem ominösem Grollen.

Zehn Minuten sind zum Umsteigen nicht gerade reichlich, wenn man seinen Bahnsteig erst noch suchen muß… Die konnten sie aber nutzen. Dabei kam es ihnen sehr entgegen, daß Bahnsteige nicht wie eine Horde wilder Rangen im Bahnhof umherlaufen. Und ihr Zug nach Stuttgart wartete anscheinend schon ganz ungeduldig auf sie. Martin wuchtete sein Gepäck elegant ins Gepäcknetz. Nicht minder elegant wurden er und die anderen Reisenden dabei beinahe von einem Wanderschuh der Scud-Klasse erschlagen, dem alle noch soeben ausweichen konnten.

Reise-Tip 2:Wenn Sie mit dem Rucksack unterwegs, lassen Sie ihre Wanderschuhe niemals frei am Packsack baumeln. Nur wenn sie gut versichert oder Zahnarzt sind, ist es erlaubt.

Als sich der aufgeregte Trubel in dem Zug gelegt hatte, alle ihre Brillen wiedergefunden hatten, Hüte wieder aufgehoben waren und sich die Köpfe wieder zwischen den Schultern hervortrauten, beschloß Robert, noch mal eben etwas kaufen zu gehen.

Martin war gerührt über die Opferbereitschaft seines Freundes. Bestimmt käme er mit etwas sehr Leckerem wieder…

Halluzinationen von Truthahnbaguettes, Spießbraten mit viel Zwiebeln oder sogar einer Frikadelle schwummerten durch seinen Kopf. Ein paar Nudeln ringelten sich, beklebt mit Tomatensoße, um seinen Hals, züngelten duftend in Richtung seines Mundes.

Jetzt waren sie ganz nahe… Er biß zu und…

Mitten in die Luft!

Wieder so ein Trugbild. Mist! Ungeduldig starrte er hinaus auf den Bahnsteig. Sein Kumpan müßte ja bald mit Tüten bepackt zurückkommen. Und so war es auch!

Robert setzte sich auf seinen Platz, schlug die neue Ausgabe der WELT auf und verstand nicht die Bohne, warum Martin so mit den Augen rollte und den Mund auf und zu klappte. “Ich… ich dachte… Du bringst was zu beißen mit… also… das ist ja… ist ja…!” Martin hatte Mühe, sich den Schaum vor dem Mund wegzuwischen.

Seine Nasenflügel flatterten im nicht vorhandenen Wind, während sich Robert unbeteiligt über die neuesten Entwicklungen der Außenpolitik informierte. “Unglaublich ist das, jawohl!” Der Zug ruckte an und Martin sprach kaum noch ein Wort, bis sie in Stuttgart anlangten…

Die Kapitale der Schwaben empfing sie beide mit einem bohrenden Gefühl der Zugmüdigkeit. Gottseidank hatten sie hier nun eine Dreiviertelstunde Aufenthalt. Und zwar nach inzwischen neun Stunden auf Schienen. Martin schlug vor, eine Cola trinken zu gehen. So machten sie sich auf in die Stuttgarter Fußgängerzone und ließen sich in einem gemütlichen Straßencafé nieder.

Dort geschah erstmal zehn Minuten nichts. Eine gestreßte Bedienung nahm mit flehentlichem Blick ihre Bestellung auf. Da sie evolutionär den Raubtieren am nächsten standen, wußten sie sofort ihren Blick zu deuten. Ein Kaninchen schaut so, das in jeder Himmelsrichtung ein Rudel Doggen vor sich sieht! Kavaliersmäßig verhielten sie sich also ruhig, als die nächsten zehn Minuten keine Cola kam. Sie wollten der Frau ja nichts Böses… Nur eben ihre Cola.

“Jetzt hat mir der Kerl die Unterhosen geklaut!” Martin hadert mit dem Unrecht in der Welt.

Nach zehn Minuten kam die Bedienung noch einmal zu ihnen. (”Ihr habt Cola bestellt, stimmt´s?”) Sie waren ratlos, wie sie sich nun eigentlich ansehen sollten. Sie einigten sich auf einen leicht trübtassigen Blick mit angeblüfften Augenbrauen und leicht geöffnetem Mund.

Da ihnen nichts besseres einfiel, spielten sie das Spielchen einfach mal mit. Sie hatten ja noch zwanzig Minuten Zeit… Fünfzehn Minuten später hatten sie endlich zwei Gläser Cola vor sich stehen und waren schon längst entschlossen, dann eben den nächsten Zug nach Memmingen zu nehmen. Auf eine Stunde mehr oder weniger würde es ja nicht mehr ankommen. Es war sowieso schon eigentlich unanständig von den Schicksalsgöttinnen, sie trotz dieser Pause so lange ohne Nahrung zu belassen. Was da nicht hätte alles passieren können… Gerade mit so einem wie Martin, der für Nahrung alles tut.

Kein Wunder, wenn die Menschen lieber an einen Gott, als an drei zerstrittene Schicksalsgöttinnen glauben. Die Christianisierung Germaniens fing bestimmt in einem Bahnhof an…

Der Zug nach Memmingen war kein größeres Problem mehr für sie. Bei einer Gesamtfahrt von 13 Stunden kommt es wirklich nicht mehr darauf an. Ihren toten Reisepunkt hatten sie überschritten. Sie hatten kaum noch einen Blick übrig für die sanften Höhen der Schwäbischen Alb, die sie gerade in Richtung der Alpen überquerten. Es war aber sehr angenehm, daß jetzt, gegen 19 Uhr, die Züge deutlich leerer waren. Vielleicht lag es auch nur an der relativen Menschenleere der Gegend.

In Memmingen angelangt vernahmen sie mit dem süßen Gefühl des Glücks, daß ihr Anschluß nach Lindau erst am nächsten Morgen wieder fahren würde. Nach kurzer, nutzloser Diskussion mit einer Bahnmitarbeiterin, ließen sie sich überzeugen, nach Kempten zu fahren, wo dann auch wieder ein Zug nach Lindau führe. Immerhin hatten sie es nun geschafft, noch eine Stunde Reisezeit draufzulegen. Aber die lohnte sich wirklich, führte die Strecke doch von Kempten am Rand der Alpen entlang nach Westen! Die steilen Hänge bei Illmenberg gaben ihnen einen ersten Eindruck von dem, was sie sich vorgenommen hatten… Da schien ja einiges auf sie zuzukommen!

Endlich neigte sich die Reise ihrem Ende zu. Vierzehn Stunden auf Bahnbauers Rappen sitzt man nicht auf einer Pobacke ab.

Nun ging auch noch die Sonne unter, hüllte die Hänge in majestätisches Licht, die Regenwolken brachen auf. Wie im Film. Halb erschlagen vom Steinschlag dieses Anblicks genossen sie mit offenem Mund die Weiterfahrt zum Bodensee. Sie erreichten ihn gegen halb zehn.

Lindau empfing sie mit einem interkulturellen Fest und…etwas zu Essen!

“Egal. Dann nehme ich eben Servietten!”

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