Das Schlimmste endlich hinter sich 2

2. Das Schlimmste endlich hinter sich

Wir müssen auf der Hut sein. (aus Anthony Burgess, 1985)

Durch die Büsche und Hecken drang nur noch gedämpfter Straßenlärm zu ihnen vor. Ab und zu flanierten lustig gestimmte Grüppchen und Pärchen über die nahe Fußgängerbrücke.

Zu deren Füßen lagerten die beiden Stragtegen nun in schützende Schlafsäcke gehüllt. Wenn oben auf der Brücke etwas zu hören war, lagen sie besonders still, hatte das sumpfige Licht aus gelblichtiger Hauptstraßenbeleuchtung und weißem Bahnhofslicht doch ihre Konturen erfaßt. Sie hatten sich einen der lauschigeren Plätze Lindaus für die Nacht ausgesucht: den Fußweg zwischen Gleiskörper und Dornengebüsch am Auto-Verladebahnhof.

Gewiß, es gab keine Michelin-Sterne. Für welche Gastronomie auch? Es gab nur die Hauptsache: Knoppers-Pause für die Augen nach nun vierzehn Stunden Bahnfahrt, endlich Arbeit für die Ohren. Schlafen? Greiseneinfach.

Sie prosteten sich mit reinem Macallan zu, als Abschluß eines nicht eben einfachen Tages. Es war leicht schwül; der nahe Bodensee hätte eigentlich etwas kühlen sollen. Im Geiste zeigten sie dem Wasserspiegel einen gestreckten Mittelfinger und hüllten sich schläfrig in ihre Schlummermuffler, bereit sofort komatös zu schlafen. Ebenso bereit, früh um 5:47 Uhr am Bahnhof bereitzustehen um den Zug nach Bludenz zu erhaschen. Den vorerst letzten Zug…

Ihr letztes Schlafsack-Geraschel verklang unisono. Ein kurzer Augenblick der Ruhe, dann fielen gefährlich helle Summtöne über sie her… Was durften sie neben einem Gebüsch auch anderes erwarten als blutrünstige Hautflügler?

Wieder Schlafsack-Geraschel.

Martin: “Sag mal, schwirren die bei Dir auch ´rum?”

“Ja, scheint ein Flugplatz zu sein!”

“Laß uns abhauen, ich hab´ keinen Bock, morgen zerstochen aufzuwachen…”

Kurzes Grübeln auf der Gegenseite, dann:

“Äh, und wohin? Ich meine ja nur, das stehende Gewässer wird in Lindau immer in unserer Nähe sein.” Immerhin war Robert, dem alten Pfadfinder, ja hinlänglich bekannt, was man in den verschiedenen Landschaften vom Geviechs zu erwarten hatte.

Und Martin konnte auf langjährige Interrail-Erfahrung zurückblicken: “Also, beim Interrail haben wir auch immer in den Bahnhöfen gepennt…”

“Und Du meinst nicht, daß es jetzt ein bißchen spät ist, noch einen Bahnhof zu stürmen?”

“Nö!”

Robert gab auf. “Na dann, gehen wir!”

Und so gingen sie. Das darf man nicht als schöne Erfahrung betrachten, denn wer erst im warmen Schlafsack gelegen hat, dem wird es immer schwerfallen, nach fünf Minuten wieder aufzustehen. Müde kramten sie ihre Siebensachen zusammen. Deprimiert vollzog sich ein schweigsamer Aufbruch.

Mühsam stolperten sie zum Bahnhof zurück und machten sich auf den Weg zum entlegensten Bahnsteig, um sich im entlegensten Schattenwinkel auf´s Ohr zu legen. Gevatter Schlaf kam nur langsam hinterher. Er mußte sich erst noch damit abfinden, daß seine beiden Schäfchen ihren Platz gewechselt hatten. Mit Robert, einem hingebungsvollen Überall-Schläfer, hatte er eigentlich wenig Probleme. Angesichts der lauen Sommernacht war es ihm ein leichtes, ohne Schlafsack auf seiner Isoliermatte einzunicken und mit Gevatter Schlaf ein angeregtes Schwätzchen zu halten. Das verlief so interessant, daß Martin vergeblich auf das hutzelige Traumväterchen wartete. Ein wenig ärgerlich beschloß er schonmal Wasser zu organisieren. So würde der morgendliche Kaffee gut gelingen…

Seine Schritte endeten zuerst vor dem Bahnhofsklo. Verschlossen. Ärgerlich, aber nicht schlimm. Der unbestreitbare Vorteil von jedem Hauptbahnhof ist, daß er sich immer ganz in der Nähe von irgendwelchen innerstädtischen Brunnen befindet.

Martin trappste leicht ermüdet in die Innenstadt, konnte jedoch nicht sofort einen Brunnen finden. Nun ja, die Zeiten des abgedunkelteren Mittelalters waren jedoch auch schon in Lindau vorbei. Und nicht nur das, nein, inzwischen war anscheinend eine kleine Schwaben-Hanse in der Stadt entstanden, wie folgendes Gespräch Martins mit einigen Eingeborenen verdeutlicht, die gerade aus dem Vergnügungszwanzigstel der Stadt dahergelustwandelt kamen: “Entschuldigung, wo finde ich denn hier Wasser?”

Eine 360°-Handbewegung später: “Na, eigentlich überall hier…”

“Nein, ich meine Trink-Wasser!”

“Wieso? Unser Wasser hier exportieren wir doch. Das trinkt man sogar in Stuttgart!”

Sehr geschäftstüchtig, dachte Martin, sehr geschäftstüchtig. Mit diesem Gedanken überließ er die Eingeborenen ihrem Lokalkolorit. Schließlich fand er ein altes, efeuumklammertes Mäuerchen mit einem alten, rostigen Wasserspeier, füllte das kostbare Naß in seine Flasche und kehrte zurück…

EIN ECHTER SCHEIß-TRAUM...

…Geräusche verstarben…

…draußen in den Wäldern vor der Stadt gingen Uhus auf die Jagd…

…Wolken wanderten…

…bald wurde es hell…

!!Pläkrröing!!Krrr!!Krr!

Gllb-gllb-gllb-gllb

Zzzzzssssscchhh-wouff

Endlich der Beweis, daß übersinnliche Wahrnehmungen fototechnisch festzuhalten sind. Hier am Beispiel eines Sch…-Traums. Selbst kritischste Parapsychologen werden an der Authentizität dieses Dokuments nichts zu rütteln haben…

Das melodisch-typische Getöse der Interrail-Kaffeemaschine weckte Robert auf. Er war sofort so aufgewacht, wie er am Vorabend eingeschlafen war: auf dem Bauch liegend, den Kopf in den verschränkten Armen verborgen, ohne sich zuzudecken oder sich irgendeiner Kleidung zu entledigen. Nur die Isoliermatte war vier Stunden vorher noch weniger sabbrig.

Es gab manche Sachen an seinem Freund, die bewunderte Martin. Manche verabscheute er auch. Ersteres war auf jeden Fall, daß er immer und überall in der Lage einzuschlafen war. Zu letzteren gehörte auf jeden Fall die Art und Weise wie er schlief. Das Sabbern ging ja noch, aber das Schnarchen?

Und ER hatte kaum ein Auge zugemacht. Da beschloß er gegen 5 Uhr, daß ein Kaffee nun das einzig Wahre sein konnte. Mit einem liebevollen Tritt in die Nierengegend überzeugte er Robert von den Realitäten des Lebens. “Alter!! Wach werden! Gibt Kaffee!” In der Tat, daheim munkeln manche, sie könnten auch verheiratet sein…

Robert rappelte sich hoch und sah reichlich eingetrübt aus, eine Mischung aus Robinson, Einstein und Winnie Puuh. Jemand hielt ihm eine Tasse dampfendes Etwas hin.

“Wir haben keine Filter, daher wurde es eher ein türkischer Mokka!”

Allmählich erkannte Robert schemenhaft seinen Reisegefährten im Nebel und stippte seine gespitzte Oberlippe etwas in die Tasse. Schlagartig erhellte sich die ganze Szene um ihn herum, verkantete sich die Herzscheidewand im Aortenbogen, während ein Nebenhoden immer wieder gegen den Dünndarm rannte…

Auch die Vorbereitung mit pseudomohammedanischen Riten half wenig: Der Autor unmittelbar vor der Blitz-Völkerwanderung seiner inneren Organe.

Ein Schluck Martins Beste Bohne und schon wächst der Bart besser!Zu spät wieder zu Atem gekommen, war der ausdrucksstarke gehäckselte Silbenschwall, begleitet von elegischer Mimik, zu einem deutschen Satz geronnen. “Meinst Du jetzt TÜRKISCHEN oder TÜCKISCHEN Mokka?”

Irgendwie hatte es Robert dann doch noch in den Zug geschafft. Martin hatte zwar Mühe, das Zappelbündel hineinzuschieben, aber dann ging es. Dort beruhigte sich sein Herz auch wieder etwas.

Pünktlich setzte sich der Zug nach Österreich in Bewegung. Ihr Fahrtziel: Bludenz. Nun ging es nicht nur an den Alpen vorbei, nun ging es in die Alpen hinein. Und die Berge wurden noch bedrohlicher, als rückten sie enger zusammen und tuschelten. Gewiß beratschlagten sie, wie sie die beiden Ruhestörer am besten wieder loswerden konnten. Kurz vor Bludenz gingen sie wieder auseinander. Sie schienen sich ihrer Sache sicher zu sein…

Ein wenig ängstlicher geworden stiegen unsere beiden Helden am Bahnhof Bludenz aus, wo das Umsteigen in den Bus nach Brand wunderbar funktionierte. Wenn auch merkwürdig zahlreich Leute mit VIEL weniger Gepäck und VIEL mehr Wanderstöcken am Bus standen und Mitfahrt erhaschen wollten. Für diese heidnische Uhrzeit (7 Uhr) verblüffende Massen an Christen.

So schlängelte sich bald ein fideler Postbus die Straße nach Brand hinauf und zur Talstation der Lünersee-Seilbahn. Die lag immerhin schon auf 1600 Metern Höhe, und die Fahrt dahin gestaltete sich großartig. Von den Eindrücken her auf jeden Fall. Jetzt mitten drin in der Vorarlberger Bergwelt begriffen sie allmählich die Tragweite ihres Entschlusses, eine Bergtour zu unternehmen. Leider nicht allmählich genug, sonst wären sie direkt umgekehrt.

Blick hinauf zum Lünersee. Wer würde hinter dieser Felswand einen See vermuten?

Sie hatten sich vorgenommen, den ersten Tag von der Talstation der Lünersee-Bahn (1600m) hinauf zum Gipfelgrat des Schesaplana-Sattels (2739 m) hinaufzuklettern, um sich dann am Nachmittag oder frühen Abend über den Brandner Gletscher (2500 m) zur Mannheimer Hütte (2679 m) zu orientieren. Sollten sie den Weg nicht so recht schaffen, hatten sie sich ausgelobt, würden sie eben oben auf der Alm zelten. Und darum hatten sie ja auch das Zelt mit im Gepäck…

Der zweite Tag sollte dann über den Liechtensteiner Höhenweg ins Gebirgsmassiv über Vaduz und dann hinab in das Fürstentum führen.

Es würde ein Tag in Liechtenstein folgen. Einfach mal Vaduz durchstreifen und herausfinden, warum um alles in der Welt man dieses Winz-Land gesehen haben mußte.

Nach gelungener Rheinüberquerung war angedacht, in der Schweiz ins Appenzeller Land hinaufzusteigen und dort möglichst oft bei Bauern zu schlafen, die gewiß nichts anderes zu tun hatten, als psychotischen Städtern möglichst behagliche Brettljausen zu kredenzen…

Daß sie bei der Vorbereitung nicht das Heidi-Titellied sangen, ist da eigentlich ein Wunder. Es sollte in diesen Tagen und in diesen Höhen nicht das einzige Wunder bleiben.

Reise-Tip Nr. 3:Wenn Sie in die Berge fahren, werden Sie nicht schon bei der Planung höhenkrank und beginnen zu halluzinieren, wie wunderbar alles bestimmt wird. Und beenden Sie bitte Ihren chronopathologischen Anfall, Sie würden sich im Jahre 1930 befinden.

Sollten Sie jedoch des Glaubens sein, es wäre 1730, entleiben Sie sich zügig mit der nächsten greifbaren Hellebarde.

Beflügelt von hehren Plänen stiegen sie bereitwillig am Fuße der Talstation aus dem Postbus und überließen die restlichen Postbus-Insassen ihrem Schicksal.

Die Möglichkeit, die erste Etappe hinauf zum Lünersee mit der Seilbahn zu fahren lehnten sie kategorisch ab. Das kam ja nun wirklich nicht in die Tüte! “Bahn” waren sie ja nun genug gefahren, jetzt wurde es Zeit auf Deichmanns Schimmeln weiterzureisen.

Stolz ragten über ihnen majestätische Hänge in den frisch gesonnten Himmel. Die Luft war abgestanden kühl. Und die Almen hatten sie schon lange hinter sich gelassen. Hier oben war es karg und nur ganz mutige Büschlein bildeten an den unteren Hängen Ganz-mutige-Büsche-Monokulturen. Der Rest war Steingarten. Aber vielleicht würde es oben ja wirtlicher werden…

So schlüpften sie endlich guten Mutes in ihre Bergschuhe, machten die Rucksäcke klar, warfen noch einen Blick auf die Karte und das triste, gewaltige Umfeld, bis sie ihren Pfad in der Bergwelt ausmachen konnten. Ein paar wenige helle Pünktchen waren dort unterwegs. Na, so weit war das doch gar nicht. Eine halbe Stunde, höchstens eine Dreiviertelstunde, dann würden sie schon oben sein.

Und im Horoskop hatte noch gestanden “Ab heute geht es mit ihnen aufwärts.”

“Da oben am See frühstücken wir dann, okay?”, meinte Martin enthusiastisch. Sie waren schon auf dem Parkplatz völlig allein mit sich und der Bergwelt. Kein Wunder, waren doch alle anderen mit der Seilbahn gefahren…

“Na, dann los, ich habe Hunger!”

So stiefelten sie los. Das ausgetrocknete Bachbett, das sie durchquerten, blieb für eine nicht unerhebliche Zeit die einzige Wegstrecke bergab. Immerhin dreißig Höhenzentimeter!

Etwa zwei Minuten später hatte der Weg ihre Lebensqualität um die Hälfte verringert, drei weitere Minuten später mußte Martin schon auf Robert warten, der sich sehr schnell einen langsameren, aber gleichmäßigen Laufrhythmus angeeignet hatte (Richtig ist, daß der langsame Laufrhythmus sich Roberts bemächtigt hatte!).

Nach immerhin fünf Minuten war Martin dankbar, daß er auf Robert warten mußte, ließen sich diese Pausen doch zum Atemholen nutzen.

Und keine zehn Minuten danach entdeckten sie das Wort “Qual” in “Lebensqualität”.

Gedanken kreisten wie staubbedeckte Savannenadler über ihren Köpfen. Keine schlechten Gedanken, nein. Selbstfindungsgedanken wie “Bin ich bescheuert. Was mache ich hier?”, meditative Kasteiungen wie “Ähm, habe ich mich da etwa übernommen?” und jiddische Weisheiten wie “Gut, daß das Schlimmste direkt am Anfang kommt. Jetzt sind wir noch frisch!”

Letzter Gedanke wurde vor allem von Martin bevorzugt gedacht und er tat es seinem Freund auch kund. Robert nickte und lächelte. Wie er es fertigbrachte, seine resignative Grundstimmung in Schweißperlen zu konzentrieren, weckte Martins Neid. Angeregt diskutierte er mit ihm über diese vegetativ-somatische Gabe, achtete aber immer auf Gegenwind und zwei Meter Abstand…

So schleppten sich zwei 30-kg-Tourenrucksäcke mit Beinen Meter um Meter hinauf ins Rätikon. Zunächst ging es in Schlangenlinien (wohl eine etwas betrunkene Zwergpuffotter…) einer recht beeindruckenden Bergwand entgegen. Sie kamen anscheinend gerade recht zur Bergbalz. Das ist die gefährliche Zeit, in der die Berg-Männer den Berg-Frauen imponieren wollen, indem sie sich vor ihnen aufbauen und stolz die granitene Berg-Mann-Brust schwellen. Denen kommt man dann besser nicht ins Gehege, weiß man doch nie, wann der Berg-Mann auf seine Geliebte zuläuft… Schon gar nicht, wenn die Wand Böser Tritt heißt. Nun wirkte die gereckte Brust über ihren Köpfen so eindrucksvoll, daß man schon leicht vom Hinaufsehen erschlagen werden konnte. Nun ja, immerhin sparte man sich dann das lästige Herunterfallen. Jedenfalls mußte da bestimmt jede noch so prüde Berg-Jungfer heißlaufen, wie die erste Teenie-Reihe beim letzten Take-That-Konzert. Ängstlich sah Robert sich um. Blinzelte das Berg-Fräulein auf der anderen Talseite nicht schon bedeutungsvoll dem Gneis-Tom Cruise herüber und trippelte ungeduldig mit ihrer Löß-Schicht? Zeit voranzukommen!

Der Gneis-Tom Cruise. Zehenperspektive.

Unmittelbar am Fuße der Steilwand kontaktierten sie zum ersten Male frisches Bergwasser. (Geriet der Berg-Mann nun ins Schwitzen, oder hatte er einen feuchten Traum?) Es schmeckte jedenfalls eisig-frisch und machte den Pfad glitschig, teilte es sich doch mit ihm die Bahn. Gottlob hatte jemand vor ihnen Seilsicherungen in den Fels getrieben.

Ihre Laune hob sich. Nach dem anstrengenden Geröllpfad inmitten trister Büsche, der dramaturgisch nur durch immense Unebenheiten und rutschige Kanten aufgelockert wurde, liefen sie nun über festen Boden. War zwar ein Bachbett, aber das war einerlei. Auch die sengende Vormittagssonne erreichte sie im Schatten der Berg-Balz nicht. Ihre Konversation geriet heiter, euphorisch und elegisch. Nun machte es richtig Spaß. Voll gesunder Häme blickten sie hinab ins Tal und auf den verfluchten Weg, der einigen Winzlingen noch bevorstand. Freiheitsgefühl und Abenteuerlust glänzten in ihren Augen, als sie sich an einem Brunnen kurz unterhalb des angestrebten Grates niederließen und kühlendes Wasser durch ihre Kehlen lief.

Der Tiefe entronnen konnten sie sich nur wundern, daß sie von so weit oben noch die Ameisen im Tal erkennen konnten… Da sollte nochmal jemand etwas gegen die Leistungsstärke ihrer Augen sagen.

“Ist das nicht geil hier?” wertschätzte Martin die Befindlichkeit ihres Seins in der kargen Hoheit der Berge, während Robert El condor pasa summte und damit genauso gutgemeint am Wesentlichen vorbeischrammte. Nach einiger Zeit antwortete Robert “Für einen, der Höhenangst hat, fühle ich mich doch ganz gut hier. Starke Gegend!”

Nicht weniger stark prallte Martin zurück.

“Du hast WAS?”

“Höhenangst. Was meinst Du, warum ich nie auf dem Eiffelturm war?” Unbeteiligt blickte er hinab auf den inzwischen erstaunlich vollen Parkplatz der Talstation. “Wie klein das da unten alles aussieht…”

“Sag mal, hast Du ´nen Schatten? Was machst Du mit Höhenangst in den Bergen?”

“Na, die Höhenangst bekämpfen! Was glaubst denn Du? Bis jetzt ging es doch noch!”

Reise-Tip Nr. 4: Halten Sie sich von ungeeigneten Reisepartnern fern. Dazu zählen die verschiedenen lokalen Fabelwesen, aber auch schamanenhafte Psychotherapeuten und vor allen Dingen Freunde, die man seit fast einem Vierteljahrhundert zu kennen glaubt…

In Martin kam die mütterliche Attitüde hervor, blickte sich verwirrt um, rieb sich die Augen und machte sich ans Tagewerk: “Der Weg hier herauf war bis jetzt echt Hammer! Ich hätte ja selbst nicht gedacht, daß es am Anfang so schwer werden würde. Aber gleich sind wir oben und dann haben wir das Schlimmste hinter uns!”

Robert nickte, teils weil er es für wahr hielt, teils weil er damit die wieder verschwindende mütterliche Attitüde verabschiedete. “Na, dann komm jetzt, wir wollten oben am See doch frühstücken!” Sprachs und machte einen Schritt auf den Weg, womit er den bevorstehenden Aufbruch untermauerte. Sein Spießgeselle kämpfte noch etwas mit seinem Gepäck, das er zur Pause abgelegt hatte, dann krabbelte er mehr oder minder elegant darunter, stand auf und wuchtete die dreißig Kilo in die Höhe.

Martin verhöhnte den bösen Tritt, neckte ihn und hielt ihm das Hinterteil entgegen, immer wieder “Komm, tritt mich.” rufend. Sein respektloses Verhalten hätte zum Selbstmord geführt, hätte Robert nicht den Fuß festgehalten.

Der Pfad führte nun in schlichter Steigung den Steilhang hinauf. Eine innere Stimme sprach zu Robert, er möge doch bitte auf den Weg achten und nicht immer ängstlich in die Tiefe starren, die sich neben seinen Beinen auftat…

Leider ging es nun nur noch durch die Sonne. Die Poren unterwarfen sich nicht weiter dem Geiste. Sie beliebten ihr eigenes Süppchen zu kochen. In nassen Muff-Mäandern rann Schweiß von Roberts Kopf und Rücken. Und je weiter sie nach oben kamen, desto belebter wurde die Gegend. Heiter wie eine Gazelle jubilierte ein begamshuteter Schneebrunzer den Berg hinab. Angesichts seines eigenen Alters bemühte sich Robert um ein einigermaßen erfrischend wirkendes Gesicht, als sei die Tortur des Weges eine seiner leichtesten Aufgaben gewesen. Dann durfte er das bei noch einigen anderen Gelegenheiten wiederholen, bis ihn das Grüßen schon erschöpfte. Oh unberührte Welt der Berge!

Ein wunderschönes Panorama tat sich vor ihnen auf, als sie den Grat endlich erklommen hatten. Zwei Stunden hatte sie der Aufstieg gekostet. Dreißig Meter unter ihnen ruhte in grünem Bademantel der Lünersee, um sie herum hielten die schneebedeckten Gipfel und kargen Hänge des Schesaplana-Massivs die dem Menschen angestammte Leichtfertigkeit in Schach. Sie waren auf 1980 Metern Höhe, die Sonne stand am blauen Himmel, der Wind wehte nicht allzu kühl und sie hatten das Schlimmste nun hinter sich gebracht.

Nur die vielen Ehepaare mit Kinderwagen, die Rentnerclubs und die Spaziergänger störten etwas, wie sie so sorg- und damit abenteuerlos auf dem breiten Wanderweg um den See herumschlurften.

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