Das Glück wendet sich 5
Als man ihn umdrehte, sah man, daß er sich nicht lange gequält haben konnte - sein Gesicht hatte so einen gefaßten Ausdruck, als wäre er beinahe zufrieden damit, daß es so gekommen war. (aus Erich Maria Remarque, Im Westen nichts Neues)
Sie hatten sich kaum an dem Ausblick satt gesehen, als sie einen Blick auf den Gipfel des Schesaplana wagten. Hier konnten sie nun allem die Krone aufsetzen, den nicht mehr weit entfernten Gipfel stürmen. Geradezu andächtig trafen sich ihre Blicke.
“Da hoch muß ich aber nicht auch noch…”, bemerkte Robert vorsichtig, sich der jammervollen Kondition seines Freundes noch nicht so ganz sicher.
“Nee, ich auch nicht!”, erwiderte dieser.
“Eben. Wir sind jetzt echt schon hoch genug. Die paar lumpige Meter machen mich auch nicht stolzer. Ich bin eigentlich froh, daß ich überhaupt schon bis hier oben gekommen bin!” und band sich ein machoeskes Halstuch um die Stirn. Offiziell wollte er einen Sonnenstich vermeiden, denn nun waren keine schattigen Felswände mehr um sie herum. Martin war aber ziemlich sicher in der Bewertung der daraus resultierenden Optik: eindeutiger Fall von Sonnenstich!
Die Sonne stand da, wo sie sommermittags um 13 Uhr eigentlich immer steht. Tief im Innersten erwartete er aber hinter jedem Felsen eine schmucke Afghanin. Die Szenerie hätte nämlich auch in den Hindukusch gepaßt. Statt obergärigem Wasser gab es nun nur noch Geröll, Staub, Sonne und zwei Hirnverbrannte, die jeder dreißig Kilo durch die Gegend speditierten. Einen halben Kilometer entfernt von ihnen sahen sie den Gletscher verführerisch leuchten…
Sie waren sich der Sache gewahr, daß der Gletscher so verführerisch leuchtete wie eine Guillotine, die der Morgentau bedampft. Trotzdem liefen sie darauf zu. Aber wo sollten sie hier oben auch sonst hinlaufen? Hinter ihnen lag der Tod (zumindest glaubten sie das…), vor ihnen ein Hochgebirgsplateau, in dessen Talsohle sich ein kapitaler Gletscher lümmelte. Auf der anderen Seite des Gletschers sahen sie ein kleines Häuschen stehen. Es war die sogenannte Mannheimer Hütte, die man, laut Wegweiser, in einer Dreiviertelstunde erreichen konnte. Nur daß man dazu aus Gewichtsgründen am besten nackt laufen mußte, hatte einem keiner erklärt…
| Reise-Tip Nr. 8:Legen Sie besonderes Augenmerk darauf, bei Bergführern in Buchform beinah alle Angaben mit Zwei zu multiplizieren. Das gilt nicht für Entfernungen, aber für Zeitangaben, gilt nicht für Höhenangaben, aber für Landschaftsbeschreibungen . Auf keinen Fall gilt es für die Telefonnummer der Bergwacht! Wertungen wie “interessant”, “schön” und ähnliches sollte man mit Minus Zwei multiplizieren. “Interessant” ergäbe dann “beängstigend”, aus “schön” würde “beängstigend” usw. Denn würde ein Bergführer wirklich beschreiben, was den Wanderer erwartet, käme ja niemand mehr, die touristischen Einrichtungen zu nutzen… |

Martin lief schon längst voraus. Robert war das Bergablaufen schon sehr suspekt. Zögernd setzte er einen Fuß vor den anderen. Oder war es der plötzlich allgegenwärtige Gletscher, der ihm Unmut einflößte? Martin wartete schon längst mitten im Staubgeröll, kurz vor den ersten Ausläufern des Gletschers, als sein Kumpan mühsam den Geröllpfad heruntergestakst kam.
Er wartete nicht ungeduldig. Wie ein dräuendes Schwert lag das Wissen in der Luft, daß sie froh sein konnten, wenn sie an diesem Tag noch die Mannheimer Hütte erreichen würden. Die Lektion in Sachen Entfernungsmaßstäbe hatten sie geschluckt. Und was das Schlimmste war: Wenn man der Karte glaubte, war der Weg von der Totalphütte zum Schesaplana sogar noch immerhin gestrichelt eingezeichnet. Nun folgte eine Gletscherquerung, die nur noch gepunktet war. Und der Weg war ausdrücklich in der Legende mit “gefährlich” vermerkt. Schon darum lief Robert so lebensbejahend wie ein Lamm zur Schlachtbank.
Viel zu früh kamen sie an den Gletscherrand. Visionen von Gletscherspalten und Lawinen bemächtigten sich ohne Vorwarnung des fernsehgewöhnten Gehirns. Nun nur kein großes Zögern mehr! Einen lockeren Spruch auf den Lippen (”Ich wollte schon immer mal über einen Gletscher laufen!”) machte Martin seinem Freund den Mut, den er brauchte. Nun konnte er sich wirklich völlig sicher fühlen… In einer Notsituation würde Martin schon wissen, was zu tun sei. Immerhin war er ja schon wenigstens in Gedanken einmal auf einem Gletscher herumgelaufen. Genaugenommen war es auch Martins Idee gewesen, den Gletscher unbedingt überqueren zu wollen. Schon wegen der Gaudi.
Zögerlich setzte Robert einen ersten vorsichtigen Tritt in den Schnee, wohl auf die guten Dachstein-Wanderschuhe hoffend, die Martin seinem Vater entwendet und dem mittellosen Robert hatte zukommen lassen. Voll und ganz der Ausrüstung vertrauend, die das alles schon irgendwie schaffen würde, wurde auch Robert mutiger und setzte noch einen Schritt auf das Gletschereis.
Es war kein großer Unterschied zu dem Geröllpfad oberhalb der Totalphütte. Nur ging es bergab. Leider nicht sehr viel weniger rutschig. Und immerhin würde man nach einer Rutschpartie schon nach wenigen hundert Metern gestoppt von einem Tauwassersee, der in der Talsohle des Gletschers lauerte. Einen halben Meter in den Schnee einsinkend und bar jeglicher Gletscherspalten begann es ihnen bald schon Spaß zu bereiten. Und wenn man durstig war, bedurfte es nur eines kurzen Bücklings und eines Griffs in den harschen Schnee.
Es lief sich besser als gedacht auf dem harten Schnee. Wenn nur den Tritt fest genug war. Dafür kam nun Schneematsch in die Wanderschuhe und setzte die Füße unter Wasser. Bebrutzelt von der Sonne, schneeblind von ihren Reflexionen und mit eiskalten Haxen genossen sie eine völlig neue tantrische Art der Körperwahrnehmung.
Die Tatsache, daß jeder Schritt im tiefen Schnee von einem Tritt mit dem Knie gegen das eigene Nasenbein begleitet wurde, machte sie aber auf Dauer nicht munterer. Wie eine Südseeinsel leuchtete das Spiegelbild eines eisfreien Stückchens Felsen in ihren Augen.
“Da unten, da können wir uns erstmal einen Kaffee kochen und was essen!” Martin zeigte vielsagend ein paar Meter ins Tal.
“So ein Päuschen wäre schon nicht schlecht!”, hechelte Robert. Er wußte, daß sich unter Vertrauten Verschwiegenheit nicht ziemt. Und daß er ziemlich ermattet war, konnte er nun nicht mehr verbergen. Denn nun dampften ja nun auch noch seine Füße.
Schnell war die Distanz zur Insel zurückgelegt. Schmelzwasser floß in einem zauberhaften Rinnsal über sie hinweg. Sie legten dort Gepäck und Schuhe ab und legten sich bequem in den Hag der Heimlichkeit, der da auch Felsgestein hätte heißen können. Bald schon brodelte heißes Kaffeewasser, ein totes Huhn in toter Tunke und ein paar Riegel Schokolade lagen vernascht in dauenden Mägen. Bequem zurückgelehnt an die besonders ergonomischen Steine ließen sie den Gletscher, die Sonne und die Einsamkeit auf sich wirken.

Wer würde bei diesem Bild vermuten, daß die beiden mitten auf einem Gletscher sitzen?
Und wer würde bei diesem Bild vermuten, daß die beiden daheim geregelten Berufen nachgehen?
Tja, sie waren schon echte Teufelskerle, hier so auf dem Gletscher herumzulungern, die Sonne zu genießen, während andere solch Heldentaten nicht wagen wollten. Sollten diese doch am Strand in der Türkei verglühen, sich Hitzschläge in Tunesien holen und überhaupt alles das tun, was deutsche Urlauber eben so tun. Denn SIE waren keine einfachen Urlauber, SIE waren jetzt Bergfexe. Eingedrungen in eine lebensfeindliche Welt, die sie nicht nur überlebt hatten, die sie nun auch noch verhöhnten. Sie lachten dem latent kalt lächelnden Gletscher ins Gesicht, waren sogar so mutig, sich mit einem Kaffee aufzuwärmen. Sie hatten, wahre Männer eben, etwas ganz besonderes geleistet…
Und dann marschierte eine sechsköpfige Seilschaft (ohne Seil) von der Mannheimer Hütte kommend, an ihnen vorbei. Sie waren im Alter zwischen 9 und 69, die Kinder machten gelangweilt eine Schneeballschlacht und alles in allem fühlten sie sich nunmehr überhaupt nicht mehr so kraftstrotzend. Des Selbstbewußtseins beraubt und ärgerlich begann Robert zu schimpfen. “Einsamkeit der Berge, jaja!”
Martin nickte nicht unresignierend. Dann kamen noch zwei Wanderer den gleichen Weg hinab, den sie gegangen waren. Weil sie so höflich grüßten, wurden sie zu einem heißen Kaffee eingeladen. Wenn sie schon nicht die Helden der Berge waren, wollten sie doch Ehren-Bernhardiner sein und müden Wanderern wärmenden Trunk angedeihen lassen. Ist doch auch eine nette Form zu leben, fanden sie.
Nach einer netten Gesprächsrunde, entfernten sich die beiden auffallend schnell wieder. Irgend etwas schien sie weiterzutreiben. Vielleicht die Art, in der Robert sein Halstuch um die Stirn gegürtet trug? Vielleicht Martins dampfende Socken? Wie auch immer. Sie ließen es sich eine gute Stunde wohlergehen, kuschelten die feisten Körper gegen den geschmeidigen Fels und sahen einem Schmetterling beim Fliegen zu. Der hatte anscheinend mal Menschen von Eisblumen erzählen hören. Sonst hätte er sich nie in diese Gegend verirrt…
Sie brachen ihre mitgebrachte Einbauküche ab, klopften die Felsen noch mal aus, damit der nächste Besucher dieser gastlichen Sitzecke ebenso kuschelig ruhen konnte und richteten ihre Nasen auf die noch immer hinter dem Gletscher liegende Mannheimer Hütte. Nun, eigentlich konnten sie ja nur noch versuchen, diese irgendwie zu erreichen. Sie befanden sich mitten auf dem Brandner Gletscher, umgeben von Eis, Schnee, Tauwasser und einem Schmetterling mit Wahrnehmungsstörungen. Und hin und wieder kamen uninteressante Menschen, die mit desinteressierten Mienen versuchten, alle anderen Menschen möglichst nicht zu beachten. Man war ja nicht wegen der Sucht nach Menschennähe in solche Höhen gestiegen.
Zwei einsame Beinpaare hoben sich von hinnen, traten die Fußspuren noch tiefer. So wanderten sie weiter in die Talsohle. Immer wieder gern gesehene Abwechslung boten natürlich die Passagen, wo man vom Eis auf festen Fels klettern konnte. Immer nur versuchen nicht abzurutschen ist auf Dauer auch nicht sehr angstmildernd, liefen sie doch weiterhin ziemlich am Hang entlang.

Die Mannheimer Hütte. 2679 Meter über dem Meeresspiegel und noch auf der anderen Seite des Gletschereises.
Und dann rutschte Robert weg. Er beeilte sich so sehr mit dem Weg nach unten, daß sein verblüfftes Gesicht Mühe hatte, hinterher zu kommen. Den nassen Bodensatz des Tauwetters immer vor Augen, stemmte er mit aller Urgewalt seinen rechten Fuß in den Schnee. Es war das einzig richtige…
Nach einem heftigen anderthalb Meter fand er sich mit zittrigen Knien im Schnee sitzend wieder. Noch so eben war er dem Eistod entronnen. Kurz verschnaufen, dann heldenmütig aufstehen und den Weg fortsetzen. Martin hatte von alledem kaum etwas bemerkt, was vielleicht auch hohntechnisch besser war.
Die Abschüssigkeit des Hangs ließ langsam nach. Eine Dreiviertelstunde waren sie jetzt seit ihrer
Pause mit nassen Füßen unterwegs. Zwar wurde ihr Tritt griffiger, gleichzeitig aber auch der Schnee matschiger. Die Sonne strahlte vom blauen Himmel und taute den Behelfsweg auf. Eine Rinne führte eiskaltes Wasser in Bachstärke von irgendwoher ins Tal. Sie kreuzte genau ihren Weg und zwang sie zu einem umständlichen Anlauf, einem kühnen Sprung und einer ungewissen Landung. Konnte doch immer sein, daß das Zielgebiet einfach abbrach. Man sah ja nicht, wie weitgehend es schon vom Wasser unterspült war.

Robi in Langnese-Land.
Es ging alles so gut, daß sie selber über ihre Angst lachen mußten. Gleichmütig setzten sie ihren Weg fort. Bis sie vor einer Felswand standen, von der endlich wieder Obergäriges herunterrieselte. Betrachtete man die Höhe ihrer Befindlichkeit, konnte es ja nur köstlich schmecken. So tranken sie trefflichen Trank, der sie für viele Mühen entlohnte. Sie hatten den Gletscher hinter sich gelassen und konnten nun in der Mannheimer Hütte einkehren.
Nur finden, mußten sie sie. Irgendwo oberhalb ihrer Köpfe mußte sie stehen. Leider kamen sie die drei Meter Steilwand nicht hinauf und liefen darob am Fuß der Formation herum. Dort mußte doch irgendwo ein Weg sein. Ein paar bange Minuten passierte nichts, was ihren Weg einfacher gestaltet hätte. Dafür stellte sich ein Ereignis ein, das den kompletten Verlauf ihrer Tour umkrempelte. Robert hieß Martin zu halten. Mit dem Finger deutete er auf etwas, was Martin nun wirklich nicht erwartet hatte. Was sie sahen, dünkte sie nicht recht. Ihre Mimik gefror zu Stalaktiten.
Robert hob seinen rechten Fuß. Beide glaubten, sie wären in einem dieser falschen Filme, in die man manchmal im Leben eben gerät. Sein Schuh schnappte nach Luft wie ein kranker Barsch in einer austrocknenden Pfütze. Die Sohle löste sich am Absatz vom Rest des Schuhs. Bis zur Hälfte schlabberte die Kunststoffsohle frei in der Luft herum…
“Öhm, ich glaube, wir können unsere Tour jetzt abbrechen…”, stammelte der Bärtige und meinte es auch so. Denn sich auf sein Material nicht verlassen zu können, ist nichts, was im Gebirge der Freude frommt. Doch sein Begleiter sprach weise Runenkunde zu ihm, holte ihn sofort aus dem emotionalen Tief. Denn sie hatten hier ja alles andere, als eine Rolltreppe, die mal eben nach unten führte.
“Das können wir oben in der Hütte wieder nageln lassen!”
Robert gab sich redliche Mühe es zu glauben. Sie mußten nun nur noch schnell die Hütte erreichen. Mit spürhundsicherer Manier hatte Martin auch bald den Aufstieg geortet. Der Weg führte über Geröll, Gestein, Felsen und andere Dinge, die man mit einer kaputten Sohle genau nicht gebrauchen kann.
Vergessen war das schöne Wetter, harmlos plötzlich der Gletscher und sehr einsam das Gemüt. Was ein einziger Schuh für Emotionen lostreten kann…
Im glänzenden Licht der Sonne lagen auf der Veranda vor der Mannheimer Hütte Leute herum und beobachteten aus halbgeschlossenen Augen die Ankömmlinge. Gewißlich waren sie schon das Tagesgespräch . “Seid ihr auch auf dem Gletscher zwei Gehirnamputierten begegnet, die riesige Rucksäcke durch die Gegend wuchten?” Robert zog seinen rechten Fuß, so anmutig es eben ging, so hinterher, daß die Schlabbersohle zuerst nicht auffiel. Martin, der ewige Organisator, hatte schon zwei Radler geordert und sich um schnelle Reparatur der Schuhe des Freundes bemüht. Robert brauchte eigentlich nur noch in den Werkzeugraum der Hütte gehen. Auf nassen Socken schlurfte er dorthin und sah zu, wie der Hüttenwirt drei Messingschrauben durch den Schuh in den Absatz drehte. Die Spitzen kniff er ab. Innerhalb von zwanzig Minuten war der Schuh repariert, nur eben das bedrückende Mißtrauen ins Material war nicht mehr zu kitten. Robert ahnte schon, wo die Sohle als nächstes losgehen würde. Bestimmt im Vorderteil…
Das Häuflein Mißtrauen schlurfte zurück, setzte sich auf die Treppe neben der Veranda und wartete, bis Martin wieder auftauchen würde. Der war nämlich verschwunden. Bestimmt war der wieder mit seinem Yuppielutscher an einem störungsfreien Ort und beredete eine wackere Maid zur Minne. Aber das war ihm recht. Es gab seinen Blick auf den Gletscher eine ehrliche Meinung, die man nun nicht unbedingt verbergen mußte, weil sonst irgendein Troll seine gute Laune einbüßen würde.
Er haßte den Gletscher, war heilfroh ihn bezwungen zu haben. Er haßte seine Schuhe, die ihn in wirklich unpassender Situation im Stich ließen, er haßte sich selbst für die Idee hier heraufzusteigen. Dieses Gletschereis würde er nicht mehr betreten, so wahr er dort saß. Aber das brauchte er ja nun auch nicht mehr. Sie hatten sich ja herüber gerettet. Und er glaubte endlich, das Schlimmste hinter sich zu haben. Das zu bekräftigen setzte er sein triumphierendstes Lächeln auf.
Von rechts vernahm er Schritte. “Kommst Du mal eben mit?”
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