Auffi Buam! 3

“Beinahe jeder, der dir begegnet, wird betrunken sein!” (aus Aldous Huxley, Das Genie und die Göttin)

Plötzlich zog Nebel auf. Ein dramatischer Nebel, unvermittelt, undurchdringlich. Ein Nebel wie in London. Genauer gesagt, wie London im Sommer. Dicht, kohlenmonoxydreich und warm… Das Plätschern eines Wasserhahns drang an Martins Ohr… Erstaunt blickte er sich um und riet dem übelriechenden, bärtigen Polarkreis-Saunaaufguß doch mal ein frisches Hemd anzuziehen. Martin wandte sich angewidert ab. Vor dem Frühstück brauchte er sowas nicht, nein.

Robert, der aus allen Poren dampfte, daß James Watt dadurch an einem Dauer-Orgasmus verschieden wäre, legte sich eine neue Kombination aus T-Shirt und Hemd an und trocknete die alte in der Sonne des Lünersees. Geschützt vor fremden Blicken durch eine kleine Steinhütte, geschützt vor Fliegen durch ein mockiges T-Shirt, das auf der Fensterbank der Steinhütte ausdampfte und geschützt vor Spontan-Kannibalismus durch ein paar zünftige Stullen, gaben sie ihr gekränktes Gebein einer ausgedehnten Pause hin.

Hier einige Auszüge der durchaus überliefernswerten Frühstücksgespräche:

-”Herrschaftszeiten, daß das so schwer hier hoch werden würde, hätte ich auch nicht gedacht. Aber: Das Schlimmste haben wir jetzt hinter uns! Der Rest wird ein Klacks!”-

-”Möchtest Du noch etwas Brot auf Deine Wurst?” “Gib mir lieber noch etwas von Deinem Auge auf meine Faust!”-

-”Rrrüüllps!” “BÖÖÖöööhrk!” “Okay, okay, hast ja gewonnen!”-

Zwei Teilnehmer des Wettbewerbs “How to look dangerous ´98″

Der geneigte Leser sieht, die beiden ließen es sich gutgehen und führten selbst in entlegenste Gebiete dieses Planeten Kultur und Sittenstrenge ein. Wahre Schwerter der Anständigkeit in einer immer mehr verkommenden, schnöden Welt!

Ein wenig stoned von den diffusen Gerüchen meinten sie nun, es sei eine doch verdammt gute Idee, die ersten Postkarten an die Lieben daheim zu schicken. Die hatten nämlich nicht unbedingt geglaubt, daß die beiden verrückt genug waren, für 35 DM in die Alpen zu fahren. Von der nahegelegenen Berg-Station der Lünersee-Seilbahn organisierten sie sich schicke Ansichtskarten. Wie man das erste, schwerste Abenteuer, nämlich den Aufstieg zum Lünersee überstanden hatte, würde bestimmt alle interessieren. Außerdem und ganz nebenbei gab es dort am Lünersee wohl die einzige Postkarten-Verkaufsstelle im Umkreis von 800 Höhenmetern…

Bei halblauten Kritzelgeräuschen schlich sich der Mittag von hinterrücks an den Vormittag heran. Ein schneller Griff von hinten an die Kehle und vorbei war es mit dem Vormittag. Die Sonne brannte ihnen inzwischen heiß auf die Haare und Martin machte sich schon Gedanken über den weiteren Verlauf des Tages.

“Jetzt kommen wir bestimmt schneller voran! Ist ja alles flach hier oben!” hoffnungsfrohlockte der Optimist Robert. Der Realist Martin riß ihn kühn aus allen Erwartungen. “Ähm…hast Du schon auf die Karte gesehen?”

Ein Blick auf die Karte offenbarte das ganze Dilemma. Sie mußten nochmal so hoch steigen, wie sie es gerade geschafft hatten, um den Brandner Gletscher zu erreichen. Der Gletscher lag etwa 500 Meter über ihnen und sie hatten sich ja für den ersten Tag vorgenommen, ihn noch an diesem Tag zu überqueren. Erschrocken sahen sie sich den Berg-Mann an, der noch immer mit dem Berg-Fräulein schäkerte. Ihm mußten sie nun zu Kopfe steigen. Schluck!

Das war das Stichwort, darauf noch einen Schluck Quellwasser!

“Zeit loszugehen!”

“Yepp!”

In der Hitze des Mittags machten sie sich auf den Weg. Die Rucksäcke kamen ihnen doppelt schwer vor. Die Hoffnung half nicht mehr beim Tragen. Aber jetzt mußte es erst recht klappen. Sie waren ja nicht hinaufgestiegen, um nun mit den ganzen Ausflüglern einmal um den See zu laufen und dann die Seilbahn zurück ins Tal zu nehmen.

Die ersten Schritte am Seeufer fielen ihnen recht leicht. Der Weg war gut ausgebaut und es fehlten eigentlich nur die Inline-Skater vom Essener Baldeneysee. Allerdings säumten erschreckend wenige Imbißbuden den Weg. Kein Kebab-Handel, keine Pizza-Ranch. Nur eben viele Spaziergänger.

Sich der Einzigartigkeit des Augenblicks und der allgegenwärtigen Einsamkeit bewußt, nahmen sie bald den ersten Gebirgsziegen-Pfad nach rechts, der direkt aufwärts führte. Diese Wahl enthob sie den pilgernden Massen, daß sie bald schon die Möglichkeit hatten, denen auf die Köpfe zu spucken. Da diese Art der Beregnung ihr Ding nicht war, versuchten sie es subtiler: Sie transpirierten denen einfach auf die angeberischen Gamsbarthüte! Hatten die davon! Entschlossen sahen sie sich dabei ins Gesicht. Recht so, feuerte ihre eigene Mimik sie an. Aus purer Garstigkeit schnippte Robert sich den Schweiß so von der Stirn, daß er die unten im Tal Laufenden treffen mußte. Wer hätte ihnen diesen Spaß vergönnt?

So stiegen sie die Hänge hinauf zum Brandner Gletscher. Wo war der denn bloß? Wieso war alles so weit weg? Wann kam endlich die erste Alm? Und wieso wollten die Felsen ringsherum sie eigentlich erschlagen? Gebannt diese Fragen erörternd hielten sie alle hundert Meter spiritistische Sitzungen ab, zwischen denen sie sich wie ein paar Geronto-Gemsen bergauf schoben.

Der Nachmittag zeigte sich von seiner sonnigsten Seite. Der Berg hatte sich längst der Büsche und Bäume entledigt und sogar seine Moos-Unterwäsche abgelegt und lag jetzt fasersplitternackt in der Höhensonne. Auf seinem bloßen Leib stampften zwei Möchtegern-Messners den Pfad himmelwärts.

Alles was sie noch aufrecht hielt, waren Ober- und Untergäriges. Sie nahmen es, wie sie es fanden. Sinnlos betranken sie sich daran. Denn je obergäriger das Wasser, desto höher der Genuß. Was bedeutet: Wasser schmeckt nur ganz oben gut. Und das bedeutete, daß sie weiter hinan steigen mußten. Seufz…

Inzwischen kamen ihnen schon die Leute entgegen, die an der Totalphütte aufgebrochen waren, um die letzte Seilbahn ins Tal zu nehmen. Da sprangen ihnen halbbetrunkene Jogger entgegen, Gebirgsveteranen sahen sie mitleidig an, Kinder zeigten mit dem Finger auf sie. Sie begegneten mindestens zwei Reisebus-Ladungen auf ihrem Weg ins Tal. Wenigstens waren diese Herrschaften nützlich, indem sie ihnen immer recht nett sagten, wie weit es noch zur Hütte sei. Nicht nur legte man hierdurch die vielbeklagte Anonymität einer Großstadt ab, sondern lernte auch Situationen exakt einzuschätzen.

Almabtrieb der Touristen.


“Noch zehn Minuten!”

“Ja mei, a halbe Stund´ is´s scho´!”

“Ist nicht mehr weit!”

“Vielleicht noch ´ne Stunde!”

Langsam vermuteten sie, sie würden sich immer weiter von der Hütte entfernen… Ein in den Bergen weit verbreitetes Gefühl. Da hilft eigentlich nur der auf dieser Bergtour neuentwickelte Habitus-Messer. Der mißt die Seelenverfassung von Menschen, multipliziert sie mit der Dichte ihrer Gedanken und dividiert das Ergebnis durch die Alkohol-Promille im Blut. Je geringer das Ergebnis ausfällt, desto näher ist es zum Ziel. Das funktioniert leider nur, solange das Ziel eine Berghütte, Kneipe, Disco oder ein ähnliches Etablissement ist.

Die Radler-Ranch “Totalphütte”

Daß die Hütte den prosaischen Namen “Totalphütte” trug, schlug sich direkt in ihrer Stimmung nieder. Robert exerzierte verschiedene Formen der Quengelei durch. Vier Stunden nach Aufbruch vom Lünersee erklommen ihre müden Gebeine endlich den Grat, der den Blick auf die Totalphütte freigab. Und sie lag noch immer weit unter dem Bug des Schesaplana. Vom Gletscher war keine Spur zu sehen. Ein paar Schneefelder hier und dort, ein weitreichender Ausblick auf den Rest der Berge Österreichs, der Schweiz und die Schwäbische Alb. Aus der Bergwand über ihnen stak ein riesiges Loch, umrahmt von einem Holzgerüst. In dicken Schüben quoll Wasser von dort hinab ins Geröllfeld, verlor sich dort. Erstaunlich. Statt eines quirlenden Flusses versickerte das mit lautem Getöse ins Tal schießende Wasser einfach so. Schon ein wenig deprimierend. Und bestimmt als Warnung vor der Natur verstanden. Irgendwie schien der Hammer hier woanders zu hängen. Nur nicht bei ihnen. Sie fühlten sich von ihm eher adjektivisch angehaucht, sprich behämmert.

Daß sie die Gletscher-Querung schon zeitlich nicht mehr schaffen würden, wurde ihnen langsam bewußt.

Es war nun schon bedrohlich nah an 17 Uhr. Und die Kondition… Außerdem hatten sie es ja schon immerhin aus den grünen Fängen des Tales hinauf zu den ersten Schneefeldern geschafft. Sie fristeten nun auf 2385 Metern ein leicht erschöpftes Dasein. Also, warum sollten sie nicht erst am nächsten Tag besonnen ins Verderben klettern? Außerdem hatten sie ja, laut Martin, das Schlimmste geschafft…

Ein wenig nach Rotkehlchen, ganz hinten, riechend, kamen sie an der Totalphütte an. Alle Blicke lasteten auf ihnen und ihrer hochalpinen Ausrüstung, die in ihrer Gesamtheit schon beeindruckte. Genaugenommen starrten alle sie an, als seien sie seit drei Jahrzehnten die ersten, die mit dreißig Kilo Ausrüstung den Hang heraufkamen. Wahrscheinlich hatten sie recht.

Reise-Tip Nr. 5

Der Umgang mit anderen Wanderern hat brüderlichen Charakters zu sein. Daher sollten Sie grinshöhnische Gesichter umgehend mit einer gezielten Geraden zu einer anderen Mimik zwingen… Oder haben Sie noch nie etwas von Kain und Abel gehört?

Ledig aller Kraft lagen sie schicksalsbar an einem der Biertische herum und bestaunten die Landschaft. Die Felswand über ihren Köpfen schoß einen herben Harmpfeil auf ihre gebeutelten Seelen. Recht schnell waren sie sich einig, wo die nächste Nacht zu verbringen war. Mit großartigem Hunger rissen sie eine unvorsichtige Nudelmahlzeit und leerten in einem Zug ihre Krüge, von denen sie gar nicht wußten, was darin war. Zu schnell war die kostbare Flüssigkeit an ihren Geschmacksnerven vorbei in die Schlünde geschossen. Doch kaum war die Mahlzeit angedaut, bemerkten sie kalten Wind auf ihren durchschwitzten Leibern. So nahmen sie sich zwei Lager und ließen die Berggeister vorerst gute Berggeister sein. Es war aber auch wirklich eine schöne Aussicht. Warum also alles so hastig machen? Und der Gastraum war so schön gemütlich und warm.

Sie saßen, in warme Pullover eingehüllt, noch etwas im Wind, reckten ihm ihre Nasen unverschämt entgegen, dann beschlossen sie, noch etwas spazieren zu gehen. Es gab da ja sehr interessante Gesteinsformationen und Schneebretter zu besichtigen. Es war eine völlig neue Erfahrung! Ohne Rucksäcke tirilierten sie leicht wie Vögel zwischen den Felsen herum. Wäre ihnen ein Wanderer begegnet, er hätte sie für wahre Konditionshelden gehalten…

Auf einem Stein (oder war es ein schlafender Berggeist?) sitzend ließen sie den ersten Tag ihrer Wanderung Revue passieren. Sie waren lebend oben im Gebirge angekommen und hatten damit ihr Minimalziel erreicht. Und wenn, wie Martin zu betonen nicht müde wurde, das Schlimmste nun geschafft sei, hatten sie ja nichts mehr zu befürchten. Entspannt minnte Martin mit dem Protzfon eine Maid in der fernen Heimat. Ja, es ging ihnen gut, wie sie windgeschützt und selbstgefällig nach Hause telefonierten und ihren Lieben erzählten, wie toll doch alles hier sei. Und das aus purer, wiedergewonnener Lebensfreude. Und weil sie in der Einöde ihre Lieben daheim doch ein wenig vermißten. Aber das hätte keiner dem anderen eingestanden…

Hallo! Otto-Versand Hamburg? Ja.... Ich hätte gern die Artikel-Nr. 156.9835. Ja...genau, ja, die Sechser-Packung Unterhosen. Zur Totalphütte...ja, in Vorarlberg-Österreich....

Der Handy-Man