Auf Gullivers Spuren 9
9. Auf Gullivers Spuren
“Wenn Sie was von den beiden Herren hören, lassen Sie es mich bitte wissen.” (aus Manfred Bieler, Bonifaz oder der Matrose in der Flasche)
Nach einem überaus erholsamen Schlaf, wachten sie ein wenig verwirrt auf. Der Blick in den Himmel war nicht möglich. Eine Zeltwand stand ihnen im Weg. Sie hatten folglich den Sieg errungen, hatten das Zelt nicht umsonst über die Berge in die Schweiz geschleppt. Ja, sie waren schon tapfere Degen… Auch wenn sie innerlich viel zu aufgewühlt waren, als sie am Abend versucht hatten einzuschlafen. Bilder, die sie nicht mehr vergessen würden, hatten sich ihnen in die Netzhaut gebrannt. Und nachträglich wurde ihnen schlecht. Natürlich hätten sie sich eigentlich vor Angst schluchzend in den Armen liegen müssen. Doch es gibt da so bestimmte gesellschaftliche Normen, die sie nicht auch noch brechen wollten. So zogen sie es vor, jeder für sich die Angst still aus dem Körper zu schlottern.
Der Bauer, der ihnen Obdach bot, war sofort dazu bereit gewesen, daß die beiden ihr Zelt bei ihm im Vorgarten aufstellen durften. Seit er gehört hatte, wo die beiden am Morgen des vorhergehenden Tages aufgebrochen waren, genossen sie absoluten Heldenbonus.
Es war zehn Uhr, als sie im Bauernhaus erschienen. Sie waren zum Frühstück eingeladen und erschienen dort als Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar. Leider war nur nicht ganz klar, wer von beiden jetzt welcher war. Staatsmännisch nahmen sie ihr Frühstück ein, als habe sie das Bergerlebnis nicht tief beeindruckt. Aber sie wußten, dies war das erste Frühstück eines neuen Lebens. Und es mundete ihnen ausgezeichnet…

Leider mußten sie bald weiter. Der Postbus würde sie zum nächsten Bahnhof (Malans) mitnehmen. Und auf´s Zugfahren hatten sie wieder richtig Lust. Im Grunde war ihre Bergtour ja vorbei. Nur eingestehen wollten sie es sich nicht. Zwar war Robert schon immer ein Wanderlustiger, dem es nichts ausmachte, wenn er mal eine Woche Gewaltmarsch durchhalten mußte. Blasen bekam er selten und wenn, dann verkniff er sich den Schmerz. Martin war da anders gestrickt. Die langsamste Möglichkeit voranzukommen und sich trotzdem dabei wohlzufühlen, war für ihn eindeutig das Fahrrad. Die Köpfe schlugen sie sich deswegen aber nicht ein. Zugfahren war ein guter Kompromiß.
So packten sie alles zusammen, refften ihr Zelt und schulterten ihre Rucksäcke. Ein höfliches Dankeschön fehlte natürlich nicht. Daraufhin begaben sie sich zur nächsten Haltestelle des Schweizerischen Postbusdienstes. 
Nach einer halben Stunde des Wartens brachte sie der Bus hinunter ins Haupttal. An einem malerischen Bahnhof in einem malerischen Ort spuckte sie der Bus wieder aus. Sie hatten noch eine Dreiviertelstunde, bis sie der Zug nach Sargans bringen würde. Von dort würde es weiter nach Vaduz gehen, in die Hauptstadt des Fürstentums Liechtenstein. Zeit genug für den nächsten Schwung Postkarten an die Lieben daheim. Es dürften diesmal existentiellere Postkarten gewesen sein. Leicht buddhistisch angehaucht und voller Lebensweisheit. Nicht diese Schönwetterkarten der üblichen Hilfsmetereologen, die einfach noch nicht kapiert haben, daß in Deutschland in jeder Tagesschau das Wetter in Spanien zu sehen ist.
Im heiteren Sonnenschein saßen sie auf einer Bank und schrieben sich die Kugelgelenke der Hände arthritisch. Sie wurden gerade rechtzeitig fertig, bevor der Zug einfuhr und sie sich einluden. Sie hatten soeben ihre Plätze nahe der Tür eingenommen, denn der Zug würde sie nur vier Stationen weiterbringen, als eine Schweizerin sie ansprach. Sie hatte die voluminösen Rucksäcke betrachtet und die beiden dann gefragt, woher und wohin. Warum sollten sie lügen?
“Wir waren oben am Schesaplana und fahren jetzt nach Liechtenstein.” gab Robert bereitwillig Auskunft. O Gott! Prompt standen ihr die Haare zu Berge. Ihre Tochter sei Bergführerin und zur Zeit in den Anden unterwegs. Man höre soviel von den unerfahrenen deutschen Touristen, die die Berge überhaupt nicht kennen und trotzdem Klettern gehen. Zuviele sterben jedes Jahr in den Alpen. Ihre Tochter könne manch ein Lied davon singen. Mit völlig falscher Ausrüstung und Überheblichkeit brächten sie dann noch die Leute in Gefahr, die zu ihrer Rettung aufbrächen.
Die beiden Helden der Berge nickten verständnisvoll. Wirklich, sehr unvernünftig sowas. Nein, sie würden schon auf sich aufpassen. In den Bergen sei Unvorsichtigkeit selbstverständlich fehl am Platz. Und sie konnten die Berge ja einschätzen.
Martin und Robert wagten bei dem Gespräch keinen Blickkontakt miteinander. Jeder hätte den anderen ob seiner Lügerei am liebsten niedergeschlagen. Aber die Dame machte sich solche Sorgen um ihr Seelenheil, sie brachten es nicht über das Herz, ihr die Wahrheit darzulegen.
Zum Abschied sagte sie noch “Sie beide sind so sympathische Kerle. Bitte passen Sie auf sich auf. Ich werde für sie beten.”
In Sargans stiegen zwei ziemlich deprimierte Gestalten mit 30-kg-Rucksäcken aus dem Zug… Na, da hatten sie mit ihrem Stolz ja wieder was angerichtet. Glücklicherweise nur bei sich selbst.
Der Busbahnhof war schon etwas seltsam. Wäre es nicht viel einfacher gewesen, mit dem Zug nach Vaduz zu fahren? Aber was sollte es. Mit dem Bus war es auch angenehm zu reisen. In die Sitze gekuschelt waren sie erst wieder bereit, in Vaduz aufzustehen. Vaduz. Die europäische Hauptstadt, die einem beim Kreuzworträtsel nie einfällt. Sie hatten schon soviele Länder gesehen, manche davon zusammen, aber in Liechtenstein waren sie beide noch nie gewesen. Als kosmopolitische Mitteleuropäer durfte es ihnen nicht passieren, daß sie Liechtenstein noch nie gesehen hatten. Mit diesen großen Erwartungen fuhren sie in dies kleine Land.
Eine relativ große Zubringerstraße führte am Rhein entlang nach Norden. Die Straße mußte auch geräumig sein, da etliche Reisebusse dasselbe Ziel hatten. Ferienzeit. An der Grenze wurden sie nicht kontrolliert. Sie hatten sie auch gar nicht bemerkt. Nur die Farbe der Nummernschilder unterschied sich plötzlich von denen in der Schweiz. Keine fürstlichen Soldaten mit vorgehaltener Hellebarde, die ihnen den Weg versperrten. Wie unromantisch. Rasch waren sie im Strom der Reisebusse in die Hauptstadt gelangt.
Links tauchte ein großer Bürokomplex auf. Was anderes konnte es sein, wenn nicht die Bank von Liechtenstein? Es war die Bank von Liechtenstein. Direkt gegenüber von der Hauptpost. Und dort verließen sie ihr gemütliches Reisebehältnis. Es war nachmittags um drei.
Was war nun zu tun? “Vielleicht sollten wir mal zuerst die Rucksäcke in Schließfächer einschließen!” ratschlagte Martin. “Gute Idee.”, meinte Robert “Leider ist der nächste Bahnhof in der Schweiz!” “Quatsch mit Soße! Das gibt es doch gar nicht.” “Quatsch ohne Soße. Vaduz hat keine Eisenbahn.” “Das glaub´ ich nicht. `Ne Hauptstadt muß doch irgendeinen Hauptbahnhof haben.”
Robert schüttelte weise den etwas lastig gewordenen Schädel. Und wenn Martin etwas trotzig machte, dann weise Worte von Leuten mit lastigen Schädeln, die alles besser wußten, obwohl sie sich selbst in einem fremden Land zum ersten Mal aufhielten. “Ich frage jetzt einfach mal DEN da.” Die verlängerte Linie seines Kinns und Zeigefingers wies auf einen unbescholtenen, hemdsärmeligen Büromenschen. Noch ahnte der nicht, welch hehre Stinkigkeit ihn gleich anzusprechen geruhte. Daher konzentrierte er sich weiterhin auf das Verlassen der Bank von Liechtenstein. Nicht ausgesprochen amüsiert, doch das sollte sich bald positiv ändern. Natürlich hielt er an, als ein ungewaschener Hochgebirgs-Scheich ihm den Weg verbaute. Für ein Ausweichmanöver war es sowieso zu spät.
“Entschuldigung, wo ist denn hier der Bahnhof?” Martins Mundwinkel verhielten sich umgekehrt proportional zu denen des Fremden. Die zuckten nicht gerade unmerklich. Ein belustigtes “Äh…Bahnhof? Der ist in der Schweiz…” nahm Vaduz die Stadtrechte nicht nur ab, nein, es zerriß die Urkunde auch noch in der Luft und sprang fröhlich darauf herum. Martins Gesicht ballte sich zur Faust, nachdem er sich für die Auskunft bedankt hatte. “Gibt´s doch nicht.” sagte er nur auf immer minneärmere Weise und reichlich vaduzt.
Bei 3000 Einwohnern müßte sich diese lächerliche Frage in den Kneipen der “Stadt” schneller herumgesprochen haben, als ein umgefallener Eimer Kuhmilch bei Landwirt Schmidt. War aber auch ein ziemlicher Schock, daß es Hauptstädte gibt, die fünfzigmal kleiner sind, als durchschnittliche deutsche Städte.
Da Martin seinen zivilisatorischen Schock noch verdauen mußte, ging Robert in den nächsten Laden nach der Tourist Information fragen. Einige Augenblicke zu spät erst bemerkte er das Unglück. An Flucht war nicht mehr zu denken. Er hätte auch nicht mehr die Ruhe gehabt, eine Flucht zu planen. Zu unberuhigend wirkten die Liechtenstein-Wimpel, -Bierkrüge, -Silberlöffel, -Porzellanpüppchen, -Aufkleber, -Anstecknadeln und -Seifendosen. Nicht zu vergessen die Fürst-Adam-Gedenkteller und die umfangreiche Sammlung (vier Kassetten) Liechtensteinischer Volksmusik.
So reihte er sich verwirrt in die Reihe der Kleinwüchsigen und Aufgequollenen ein. Erstere kamen aus Japan, letztere anscheinend gerade von McDonalds, Abt. USA. Die Dame an der Kasse machte ein gutes Geschäft mit ihnen. Nur mit den (bzw. dem) Deutschen nicht. Der kaufte nichts, wollte gar nur eine Auskunft. Betont unfreundlich wurde er nach schräg gegenüber verwiesen. Dort war nämlich die Tourist Information.
Eigentlich direkt logisch. In Vaduz kann nichts weiter als drei Schritte entfernt sein. Albern, dann auch noch nach etwas zu fragen.
So verschwand er im Haus schräg gegenüber. Und dachte auch prompt, er sei im Wald. Vor dem Schalter stand ein Rudel Baumpilze. Und vor seinem geistigen Auge blätterte er sein Biologie-Buch aus der 8. Klasse durch. Waren Pilze nun Rudeltiere oder nicht? Und konnten sie 1,60 m Schulterhöhe erreichen? Dann begannen die Pilze japanisch zu reden. Er bückte sich verwundert und rieb sich die Augen. Vieles war schon passiert. Manches hatte er schon erlebt. Doch mitten in eine sombrerotragende Füllung eines japanischen Reisebusses war er noch nie geraten. Nie und nimmer nich, nein! Und die Füllung bezahlte brav Stempel, die in den jeweiligen Reisepaß gedroschen wurden. Zuhause wird es dann heißen “Seht her! Ich war in Liechtenstein! Seht Euch nur mal meinen Stempel hier im Reisepaß an” Und alle werden “Oh!” und “Ah!” sagen, vortäuschend, sie könnten lateinische Schriftzeichen deuten.
Da könnte man schon meinen, Deutschland sei verbürokratisiert. Für alles gibt es Urkunden, Formulare und Stempel. Und in Liechtenstein sind Stempel augenscheinlich Exportschlager!
Als Robert nach den Japanern und zwei betuchten Saudis endlich an der Reihe war, hätte die gute Frau an der Theke fast ins Leere gestempelt. So sehr hatte sie der Schreck gepackt, daß auch mal jemand einfach einen Stadtplan haben wollte.
Stadtplan! Ha! Allein das Wort “Stadtplan” hat schon mehr Buchstaben, als Straßen auf dem “Stadtplan” eingezeichnet waren. Die Straßenführung ähnelte einer alten Landkartoffel mit kleinen Trieben. Dafür war der Plan aber umso liebevoller gestaltet, als es daheim üblich ist. Die einzelnen Häuser waren von einem namhaften Liechtensteiner Künstler eingezeichnet und koloriert worden. Hübsch, hübsch!
Leider war es nicht möglich, die Rucksäcke in der Tourist Information unterzustellen, damit die beiden Haudegen der Berge ihrem lasterhaften Zivilisationstrieb frönen konnten.Aber das machte nichts. Robert hatte eh´ Kopfschmerzen und geruhte sich an der nächsten Ecke einem leichten
Dämmerzustand zu unterwerfen. Martin dachte schon etwas weiter. Er wollte sich mal nach Busfahrplänen erkundigen. Und nach dem nördlichsten Campingplatz, damit sie dies gastliche Terrain möglichst bald wieder verlassen konnten. Immerhin waren sie ja schon eine ganze Dreiviertelstunde im Fürstentum. Und Postkarten wollten sie ja auch noch von der großen Reise schreiben. An möglichst viele Leute, getreu dem Motto “Ihr kennt die Hotels in Palma, Kuala Lumpur, New York, Los Angeles, Paris und London. Aber eine Karte aus Liechtenstein, die bekommt Ihr nur von uns.” Also mußte er auch noch Postkarten (Oh Graus. Im Wimpelshop!) besorgen. Und Briefmarken. Und für jeden ein Eis…
Unerstaunlich schnell war Martin wieder bei ihm. Er hatte alles besorgt und meinte, leicht resignativ “Wenn Du nochmal durch die Stadt laufen willst, mach es. Ich habe schon alles gesehen. Die Eisdiele ist am anderen Ende der Straße. Und da ist die Stadt zuende.”
Das war also Vaduz? DAS hatten sie unbedingt sehen wollen? Deswegen waren sie hier? Nun ja. Sie hätten noch das Fürstenschloß besichtigen können. Jedenfalls aus der Ferne, da man es nicht betreten durfte. Aber erstens ging es dorthin bergauf (und das Wort “Berg” genügte ihnen schon zur Bildung einer kapitalen Schmollippe) und zweitens fanden sie die Bezeichnung “Schloß” für einen kastenförmigen Steinbau in Zweifamilienhausgröße etwas, nun ja…überkandidelt…
Reise-Tip Nr. 13:
Warum informieren Sie sich nicht vorher über die Gegebenheiten eines fremden Landes?
Stattdessen blätterten sie im reichhaltigen Informationsmaterial, das ihnen in der Tourist-Information überlassen worden war. “Liechtenstein hat für jeden etwas.” heißt es da zum Beispiel. Und das Faltblatt prahlt darin “Wenn Sie sich noch jung genug fühlen, werden Sie das Nachtleben in den Diskos bald gecheckt haben.” Im Anhang findet man dann nach längerem Suchen drei Disko-Adressen. Allgemeine Heiterkeit erscholl auf der Sitzbank an der Haltestelle. “Wenn Sie mit dem Rucksack unterwegs sind, sind Sie auf Liechtensteins Campingplätzen…” ganze zwei hatten sie auf der Übersichtskarte geortet “…ideal untergebracht. Lernen Sie jugendliche Menschen aus der ganzen Welt kennen.” Und so ging es in vollmundiger Touristen-Prosa weiter. Die Tonleiter der Lobpreisungen immer höher. Und je höher sie lobte, umso weniger waren die beiden bereit zu folgen. Auch in Gedanken nicht. Denn in Gedanken waren sie schon längst wieder daheim. Ohne weiteres hätten sie jetzt nach Hause fahren können. Sie stellten fest, das Ziel war die Bergtour gewesen und nicht irgendein imaginärer Fleck auf der Landkarte. Schon gar nicht Vaduz. Vielleicht hätte sie auch Bern wenig befriedigt.
Ihr Abenteuer war eben einfach beendet. Und es wäre trotzdem desaströs verlaufen. Nur, einfach so heimkehren konnten sie nun auch nicht. Denn sie waren mit relativ klammen Mitteln in die Ferne gereist. Das war nicht tragisch, nur störend. Die Wahl des 35,- DM-Tickets kam ja nicht von ungefähr. Sie mußten sich also bis zum folgenden Samstag zwangsläufig in fremden Landen aufhalten.
Sie benötigten gar nicht mal soviel Diplomatie, wie man hätte eigentlich meinen können, oder besser, als sie es bisher gewohnt waren. Schnell war klar, Liechtenstein konnte nur Durchreisestation auf der Flucht nach Hause sein. Es galt Lindau anzuvisieren. In Lindau gab es wenigstens deutsches Geld und den rettenden Bahnhof.
Entgegen allen Erwartungen (in Deutschland ist dies nämlich nicht so…) behielten die Liechtensteiner die Nerven, als die beiden Trekking-Clowns meinten, sie müßten sich jetzt auch noch in den vollbesetzten Bus pfropfen. Nette “Hnngh!”-Laute und gastfreundliches Umpfen winkte sie geradezu tiefer hinein in den Bus. Und eine Dame im grünen Kleid bemühte sich, zwischen den Rucksäcken der beiden besonders viel Platz zur Verfügung zu stellen. Das gelang ihr ganz gut. Wohlwollend strahlte sie die zwei zufrieden an, wie man nur wohlwollend strahlen kann, wenn der Brustkorb eingedrückt ist. Eigentlich ja doch ein gastliches Stückchen Erde…
Je weiter sie ihre Route nordwärts führte, desto mehr Fahrgäste stiegen aus. Vielleicht war es an den ersten paar Haltestellen eher ein Platzen als ein Steigen, doch das gab sich hinterher.
Große blaue Schilder kündigten an der Ausfallstraße in die Schweiz bereits den Internationalen Campingplatz von Bendern an. Ihre Etappe neigte sich also dem Ende zu. Sie stiegen aus und liefen noch ein Stück den Schildern hinterher. Nach kurzem Fußmarsch endete die enthusiastische Beschilderung vor einer Art Garten. Irritiert gingen sie durch das Gartentor und wurden einiger Zelte angesichtig, dann zweier, dreier fester Wohnwagen und einer Rezeption. Alles in allem sehr merkwürdig. Ein paar Hartplastik-Duschkabinen wiesen dann doch auf die geographische Richtigkeit ihrer Befindlichkeit hin. Also meldeten sie sich an. Ein wenig enttäuscht natürlich, denn da hatte jemand augenscheinlich seinen Garten zum Zeltplatz umgebaut und dann an Spaniens Autobahnen die Hinweisschilder gestohlen.
Diese Jemands bewachten ihren Zeltplatz wachsam wie Aligatoren. Selbstredend wurden Martin und Robert von sicheren Gartenstühlen aus besonders gemustert. Immerhin rissen sie den Altersdurchschnitt der Anwesenden durch bloßes Erscheinen zwei Jahrzehnte nach hinten. Dies führte wiederum anscheinend zu plötzlicher Gesichtsstraffung und damit bei der älteren Klientel zu einem reichlich verkniffenen Gesichtsausdruck. Umgekehrt warf sich die Stirn der zwei Reisenden in Falten und Krähenfüße schmückten die Augenpartien. Vor allem, als eine etwa Achtzigjährige ihnen die Platzgebühr abverlangte und des Rechnens nicht mehr so kundig schien. Noch nie hatten sie jemanden erlebt, der vier Minuten benötigte, um zwei Personen und ein Zelt (immerhin drei Posten) zum ausgewiesenen Preis aufzuaddieren. Vielleicht machte es die Frau ja auch einfach nur moralisch nervös, daß da zwei männliche Wanderer durchs Tor marschiert gekommen waren. Und bei den Sitten heutzutage, vielleicht waren die beiden ja homosexuell… Nicht auszudenken, welche Schande das in ihre dörfliche Welt gebracht hätte.
Später, als ihr Zelt schon stand und Martin das Essen kochte, geriet Robert in ein weiteres Abenteuer mit der Kassiererin, als er duschen wollte. Denn in den Automaten durfte man nur zwei 1-Franken-Münzen einwerfen. Da dachte er, wäre es eine gute Idee, sein letztes 2-Franken-Stück zu wechseln. Diese Prozedur dauerte immerhin drei Minuten. Es endete damit, daß er sich seine benötigten Münzen aus der Kasse selber wechseln durfte. Die gute Frau war einfach nicht in der Lage, die Münzen in ihrer Kasse ausfindig zu machen.
Angenehme warme Strahlen reinigenden Wassers quollen über seinen Athletenkörper, als er begriff, warum eigentlich alle auf dem Platz so alt aussahen. Sie teilten bestimmt den Zeltplatz mit Teenagern, die schon eine Woche auf dem Platz festsaßen… Ob ihnen nun ein ähnliches Schicksal bevorstand? Unter der heißen Dusche lief es ihm kalt den Rücken hinab…
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