Auf die holländische Tour 6

6. Auf die holländische Tour

Ich kenne den Wert eines Königreiches nicht, versetzte Wilhelm, aber ich weiß, daß ich ein Glück erlangt habe, das ich mit nichts in der Welt vertauschen möchte. (aus Johann Wolfgang Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre)

Ein wenig verdattert ging Robert mit. Was konnte Martin wollen? Er lächelte bedeutungsschwanger. Nein, nicht so richtig bedeutungsschwanger, eher irre und gehetzt.

“Schau Dir mal unseren weiteren Weg an!”, forderte er, als sie hinter die Hütte traten.

Robert sah vor sich den Abgrund gähnen. Einige hundert Meter ging es steil abwärts und der Weg schlängelte sich am oberen Rand entlang. Nichts für Höhenkranke. Und Höhenangst schien nun Martin befallen zu haben. Er deutete auf die Karte. “Schau Dir doch mal unseren weiteren Weg an. Der ist doch Wahnsinn! ICH gehe da nicht her. Laß uns umkehren!” Er wies auf die gezackte Bergkette, über die der Stauß-Steig sie weiter nach Vaduz führen sollte. Zumindest war es so geplant. Und die sah wirklich beeindruckend aus. Der Weg führte laut Karte über viele Felsgrate. “Bist Du schonmal auf einem Felsgrat gelaufen? Da geht´s zu jeder Seite mindestens hundert Meter herunter. Da kriegst Du mich nicht hin!” Martin spürte, daß sein Freund die ganze Situation herunterspielen wollte.

Sie setzten sich auf einen Stein, den Abgrund zu ihren Füßen. Sie genossen die Aussicht. Es gab einen Weg von der Mannheimer Hütte direkt ins Tal. Der hieß Leibersteig (wahrscheinlich weil man über viele zerschmetterte Leiber steigen mußte) und war indiskutabel für beide. Selten hatten sie einen derart steilen Weg gesehen. Voll Geröll und Abhängen. Er führte auf 2,5 Kilometern 800 Meter hinab ins Brandner Tal.

“Was schlägst Du denn vor?”, fragte Robert endlich.

“Umkehren. Heute nacht hier schlafen und morgen früh umkehren.”

“Ich bin doch nicht hier heraufgestiegen, um jetzt umzukehren.”, bemängelte der Bartgesichtige. Dabei wollte er nur nicht zugeben, daß er den Gletscher kein zweites Mal betreten wollte. Dafür fing er sich fast von Martin eine Ohrlasche ein.

“Ich gehe hier nicht weiter!”

Eisiges Schweigen, Wolken trieben Schatten über ihre Gesichter. Ihre Blicke warfen keine Valentinsgrüße. Wie ein dräuendes Damoklesschwert hing Ärger in der Luft. Robert versuchte es noch einmal, etwas versöhnlicher. “Sollen wir nicht erst einmal ohne Gepäck etwas unseren Weg auskundschaften? Vielleicht wird es ja gar nicht so schlimm… Aufgeben können wir dann ja immer noch.”

“Sag mal, bist Du taub und blind? Erstens genügt ein Blick auf die Karte und die Berge hier, zweitens gehe ICH hier nicht weiter. Das ist hier alles eine große Sackgasse. Wir sollten morgen umkehren.”

“Also zurück über den Gletscher?” “Ja!” “Aber da kriegst Du MICH nicht noch einmal drüber.” Es dünkte Martin dringendste Not, seinem Kumpanen ganz unheldenhaft an den Hals zu hüpfen. Aber da hatte Robert den rettenden Einfall! Denn wenn er bei den Pfadfindern etwas gelernt hatte, dann war es Gelassenheit in scheinbar aussichtslosen Situationen.

“Paß mal auf. Was sollen wir uns jetzt die Köpfe heißreden? Daß wir hier schlafen werden, ist Konsens, oder?” Martin nickte bestätigend. “Dann laß uns da eine Nacht drüber schlafen und morgen in aller Frische entscheiden.” Robert sah seinen Freund so lange friedensheischend an, bis der es nicht mehr ertrug und sein Einverständnis signalisierte. So trennten sie sich in friedlichem Einvernehmen und jeder konnte sich nun genug über den anderen ärgern, ohne daß dieser sich dagegen wehren mußte. Martin blieb noch etwas auf dem Felsgrat sitzen, genoß die Aussicht. Robert sortierte seine Gedanken lieber bei der Suche nach Sonnenstrahlen auf der Veranda der Mannheimer Hütte, wo immerhin noch ein halbes Radler auf ihn wartete…

Doch schon eine Dreiviertelstunde später wurde das alte Klischee vom raschen Wetterumschwung in den Bergen bedient. Von Westen kommend zog eine Wolkenfront auf, Wind besuchte das Hochplateau und fand die Aussicht so wunderbar, daß er gleich dort bleiben wollte. Die wenigen Gäste flüchteten in ihre Räume und unsere beiden Helden taten es ihnen nach. Als sie sich auf der Veranda wiedertrafen, hatte sich ihre Laune schon wieder bedeutend gebessert. Sie lächelten sich sogar gegenseitig an. Die Pause zum Luftschnappen von der ewigen Anwesenheit eines anderen Menschen hatte ihnen sehr gut getan.

Diesmal konnten sie ein Zweibettzimmer ordern. Sie richteten sich sofort gemütlich ein. Jede Menge Schokolade und anderes Knabberzeug kam zum Vorschein. Das Kämmerchen geriet zum Teenagerzimmer, kaum daß drei Minuten ins Land gezogen waren. Stinkige Schuhe, moddrige Hemden und Socken aus denen Sickerwasser floß, ließen sogar die Scheiben beschlagen. Es gereichte ihnen zur Ehre, daß sogar der Sohn des Wirtes, ein dreizehnjähriger Nachwuchsalpinist, nur zaghaft an die Tür klopfte und Abstand hielt, als er darum bat, die Fenster bitte zuzulassen, da es diesen Abend wohl noch Sturm geben würde.

In diesem Muff-Vietnamkrieg suhlten sie sich zwei Stunden bis zum Abendbrot in ihrer eigenen Behäbigkeit. Robert ein Buch vor Augen, Martin sein Anrufli am Ohr, bis erneut an der Tür klopfte und ein bleichgesichtiger Jüngling ihnen käseweiß übermittelte, daß es Zeit zum Abendbrot wäre, wenn die Herren Hunger hätten. Er hoffte wohl insgeheim, die beiden hätten keinen Hunger und würden die anderen zahlenden Gäste nicht vergraulen. Nur hatte er sich da geschnitten. Die Recken machten sich frisch, zogen sich frische Brünnen und Socken an, klopften sich das Kondenssockensickerwasser aus den Hosen und erschienen recht ausgeruht zum Abendbrot in einem wirklich gemütlichen Gastraum.

Draußen schneite und nebelte es, wie in einer Haschisch-Waschküche.

Sie setzten sich zu einem jungen Pärchen an den Tisch, die sich schon sehr schnell als Holländer outeten. Trotz aller Vorurteile (Robert war sauer, seit 1988 bei einem Fußballänderspiel Deutschlands gegen die Niederlande Frank Rijkaard Rudi Völler in die Haare gespuckt hatte…) kamen sie bei einem guten Essen bald schon ins Gespräch.

Man war sich sympathisch, und da die beiden berichteten, sie würden sich in der Gegend gut auskennen, waren sie sofort bereit, sich von den beiden einen Abstieg zeigen zu lassen, der nicht so steil wäre, wie die, die sie gesehen hatten. Auch Robert war zufrieden, hieß das doch, er würde nicht umdrehen müssen. Glücklich sanken alle nach einem langen Abend in ihre Betten. Getrennt versteht sich, denn soweit waren Roberts Vorurteile nun doch noch nicht abgebaut.

Und draußen schneite es noch immer…

Nach einer harrenden Halbnacht dünkten Martin und Robert sich trutzig genug, sich von dem Pärchen aus Rotterdam den Weg ins schweizerische Rätikon weisen zu lassen. Wo schaute man Recken schärfer beißen als beim Frühstück an diesem Morgen? Mut und Kraft waren in sie zurückgekehrt. Und vor allem: Vor Holländern durfte man jetzt nicht schlappmachen!

67a.jpg (13391 Byte)Bald ging der Aufbruch von der Mannheimer Hütte vonstatten. Draußen war es jetzt nur noch neblig, der Schnee war in der Nacht Regen gewichen und wieder geschmolzen. Ein klein wenig klamm wurde es ihnen doch. Es war noch nie eine gute Patentlösung gewesen, im Nebel eine Bergtour zu beginnen. Aber was Holländer vermögen…

Expedition ins Ungewisse

Ihre muntere Reisegruppe lief zuerst - zu Roberts Entsetzen - wieder über den Gletscher. Aber der war verhältnismäßig griffig und nicht zu naß. Die Sonne hatte es noch nicht so richtig durch die Wolken geschafft. Alles schien gar kein Problem zu werden, wie das Holländer-Männchen immer wieder beteuerte. Und weil das Holländer-Weibchen pflichtschuldig dazu lächelte, schenkten sie ihren Worten Glauben.

Zwei tiefe und zwei niedrige Paar Fußstapfen führten nach Süden hinauf zum Rand des Gletschers. Dort wollten sie dem Wanderweg zum Salaruel-Kopf folgen. Das schien auch alles eine gute Idee zu sein, bis der Weg sich einige Felsen hinaufbegab und sie Mühe hatten, ihm zu folgen. Und dann, benommen von guter Laune, hatten sie es doch hinaufgeschafft, dann sahen sie, wo sie nun hineingeraten waren…68a.jpg (20079 Byte)

Ein letztes Lächeln vor dem Einstieg in den Gebirgspfad. Letztes ehrliches Lächeln für längere Zeit…

Ein kühn angelegter Weg war in den Fels getrieben worden. Rechts im Felsen war ein Seil verankert, an welchem man sich festhalten konnte. Nach oben und nach unten schwang sich eine Steilwand empor. Nach allen Seiten verschwand der Blick im Nebel. Und auch nach unten… Aber zwischen einigen Wolkenfetzen sahen sie immer wieder den Abgrund gähnen. Löwen gähnen vor der Fütterung genauso.

“Wird alles gar kein Problem!” klang es noch in ihren Ohren.

Reise-Tip Nr. 9

Eitelkeit und Stolz sind Lasten, die Sie nicht unbedingt auf eine Bergwanderung mitnehmen müssen. Packen Sie lieber einen guten Wanderstock ein. Der eignet sich nicht nur zum Abstützen, sondern auch wunderbar zum Zertrümmern der Schädelschalen derer, die einen zu so einer Höllentour überredet haben.

Zuerst stieg das Pärchen in die Wand, hangelte sich behende den Weg entlang. Ohne nennenswertes Gepäck fiel ihnen das natürlich leicht. Dann folgte Martin, der sich von Holländern in Sachen Mut nichts sagen lassen wollte. Seine Knie hatten da natürlich eine andere Auffassung. Nämlich keine. Am wenigsten Fassung. Sie wackelten so locker, daß Elvis Presley vor Neid erblaßt wäre. Und Robert? Der setzte gerade seinen ersten Schritt auf den Gneispfad, hatte seine Angst wie mit einem Schalter abgestellt und fügte sich ins unvermeidliche Abenteuer. Denn wenn er bei den Pfadfindern etwas gelernt hatte, dann war es Gelassenheit in scheinbar aussichtslosen Situationen.

So verschaffte er sich ziemlich gelangweilt Halt an einem Felsen und setzte einen Fuß auf den Pfad über dem Abgrund. Der Felsen war groß wie sein Brustkorb und wirkte wirklich sicher. Emotionslos zog er das andere Bein auch auf den Weg.

Da hatte er plötzlich einen Felsen in der Hand, der so groß war wie sein Brustkorb. Er fühlte die Chance des Seilchenhüpfers in einem Treibsandsee, sich daran länger festklammern zu wollen. Im nächsten Sekundenbruchteil ließ er das immer schwerer werdende Stück Steinthorax los. Freischwebend lächelte ihn das Gestein an, als wollte es sagen “Und nun, Meister?”. Robert zuckte mit den Schultern, dann mit den Händen. Und zwar zum rettenden Stahlseil. Keine Sekunde zu zeitig. Nur die Motorik versagte sich seinem Sinnen, sein rechtes Bein unter dem schwebenden Stein wegzuziehen. Während er noch umständlich kopfrechnete, wie hoch die Chance einzuschätzen war, daß dem Steinbrocken umgehend Flügel wuchsen, entsann dieser sich der Untragbarkeit der Situation. Mit mittlerer Reisegeschwindigkeit begab er sich zu Boden.

Robert sang seinem rechten Bein ein letztes Lied (Farewell to Carlingford) und klammerte sich krampfend an seinem nunmehr heißgeliebten Seil fest. Als wundenerfahrener Pfleger wußte er, daß er von einem zerschmetterten Bein zunächst keine Schmerzen erwarten durfte. Daher fügte er sich willig in den Schockzustand, in dem er ja wohl nun steckte, hörte das laute Poltern des Felsens auf dem Weg, dann sah er ihm beim Sturz in den wolkenverhangenen Abgrund zu. Schon ein bißchen triumphierend natürlich, war er doch sicher an seinem Seil. Zwar mit einem zerschmetterten rechten Bein, aber am Leben. Ach ja, das Bein. Noch hatten die Nerven keine Schmerzen gemeldet, die würden sich aber gewiß bald einstellen.

Ungläubig sah er sich als nächstes die Abbruchkante an, die er durch seinen sicherheitsuchenden Griff verursacht hatte. Eigentlich erwartete er ja irgendwelche irre wertvollen, prähistorischen Fossilien. Dadurch hätte er sich ja dann eine gute Beinprothese leisten können. Aber außer einigen verblüfften Mikroorganismen, die sich nun nach einer neuen Wohnung umsehen mußten, konnte er nichts entdecken.

Und dann wagte er endlich einen Blick auf sein blutverklebtes rechtes Hosenbein, aus dem in wirrem Mus Knochen, Fleischbrocken, Sehnen und Stoffreste ragten.

Es war quasi überhaupt nichts passiert. Nur ein leichter, feiner Riß im Hosenstoff, umgeben von einer Aufrauhung. Er konnte sogar laufen! Er hatte alles heil überstanden. Zwar sah es etwas seltsam aus, wie unnatürlich nah er an der Wand klebte, doch sein Lächeln überstrahlte sogar den Felsen, den er förmlich beim Grinsen zungenküßte.

In der Zeit war Martin vielleicht drei wackelige Schritte weitergelaufen. Robert löste sich etwas aus der grinsenden Leichenstarre, dann war es ihm ein inneres Bedürfnis, Martin davon zu erzählen. Hinterher wußte er nicht mehr, was Martin zum Rückschauen veranlaßt hatte; es kann aber an Roberts wortlosem Gerufe nicht gelegen haben. Wohl eher an dem lauten Gestikulieren.

Da Robert auch bei der Erzählung die Worte fehlten, wohnte Martin dem Bericht auch nicht in gewohnt interessierter Weise bei. Daher mißdeutete er die pantomimische Darstellung als den fünften Akt aus Homers Odyssee (Held greift an den Felsen, hält ihn in der Hand, wirft ihn zu Tal) und für einen leichten Anfall von Rinderwahnsinn. Sein Kumpan hatte schon manchmal komische Einfälle, um ihm die Angst zu nehmen, aber Laienschauspiel konnte er hier oben nun überhaupt nicht gebrauchen. Erst recht kein so schlechtes…

Robert sah resignierend zu, wie Martin sich wieder dem Weg widmete. Er glaubte, der hatte überhaupt nicht verstanden, was ihm da passiert war… Traurig sah er dem weiteren Verlauf des Weges in der Steilwand ins mörderische Angesicht. Da er nicht allein zurückbleiben wollte und die beiden Holländer ja schon leichtfüßig ein paar Meter weitergeklettert waren, gab er sich einen Ruck. Er schob die Angst wieder zurück, wahrte seine Würde und hangelte sich schwammbeinig in den Gebirgssteig.

21a.jpg (24616 Byte)Daß der Weg für Möbelpacker nicht ausgelegt war, merkten sie oft genug. Immer dann, wenn der Steig sich weiter verengte und einzelne Seilsicherungen sich mal nicht mehr so mit ihrer Aufgabe befassten, wie man es von ihnen verlangen konnte. Dann hingen dreißig Kilo Gepäck und vierzig Kilo menschlicher Hinterschinken in schwindelnder Höhe an einem durchhängenden Seil. Getragen nur von klammernden Händen, auf die jedes Faultier stolz gewesen wäre, und der Hoffnung, daß jetzt kein seilsichernder Haken aus dem porösen Gestein springen würde.

Der Felssteig war nicht eben. Er führte wild nach oben und unten, zwang zu Klettern und Abseilen. Und manchmal war der Weg ganz weg. Das waren die Situationen die ihre Jugend um ein ganzes Jahr verkürzten. Nun noch inniger am Seil klebend, gaben sie sich redliche Mühe nicht abzurutschen. Meist fehlte dann höchstens ein halber Meter Weg. Ein rasches Überspringen schloß sich mangels Anlauf aus. Also doch lieber ein sehr unalpinistisches Gemisch aus Gebet, Krampf und Körperverlagerung.

Martin hatte seine Angst nun auch so langsam überwunden. Zwar konnte er es sich immer noch nicht erklären, wie er in diesen schlechten Film geraten war, dafür gab er sich aber nicht auf und fügte sich ins Schicksal. Und wenn das der bessere Abstieg war, dann war er doppelt glücklich, nicht den Leibersteig heruntergeklettert zu sein. Vor dem hatten sie sich am Vortag ja fast gestritten.

22a.jpg (17352 Byte)Einen langen, bangen Kilometer zwangen sie sich an dem Seil durch den nicht gerade linden Ort. Sie erreichten ein nicht zu steiles Geröllfeld, auf dem sie erst mal rasteten. Noch immer hingen die Wolken um sie herum. Martin sah zu seinem Kumpan herüber. “Alter, ich glaube, das Schlimm…” “Schnauze!” Martin grinste.

Robert hatte andere Gedanken. Für ihn begann das Schlimmste gerade erst. Nun löste sich nämlich die hackenwärtige Sohle des linken Schuhs vom Rest.

Langsam klarte sich das Wetter auf. Hier ein Blick ins Rätikon.

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