Aftersausen à gogo 7

7. Aftersausen à gogo

“Det nimmt doch nie ´n Ende.” (aus Anthony Burgess, Der Doktor ist defekt)

Ermattet sahen alle zu, in Erwartung eines heiligen Wutausbruchs, wie Robert sich auf den Boden setzte. Doch da verblüffte er alle. Klar, das Auf und Ab der Sohle erzählte eine trübe Mär vom Ende der Reise. Trotzdem hielt er sich zurück. Denn was sollte er auch tun?

Aus einer Seitentasche seines 30-kg-Rucksacks ließ er sich fünf sehr wichtige Gramm geben. Endlich würden die Ersatz-Kompressionsriemen ihren Einsatz finden. Eigentlich hatte er sie eingepackt, falls er mal etwas am Rucksack befestigen wollte. Da hatte er an Bergkäse, hübsche Bergbäuerinnen oder Bergkristalle gedacht. Nun konnte er seinen letzten Trumpf ausspielen. Die beiden Holländer sahen mit regem Interesse zu, wie der sockengesichtige Deutsche gleichmütig einen Kompressionsriemen um seine Hacke band, fest daran zog und wieder ein fast tadelloses Schuhwerk vorweisen konnte.

“Man merkt, daß Du bei die Pfadfinder bist…” bemerkte der Holländer ganz richtig. Geschmeichelt stand Robert auf, ließ sich seine Angst vor dem weiteren Weg nicht anmerken.

Tapfer sprach Robert “Meinetwegen können wir weiter.” Er war nicht bös darüber, daß die anderen erst einmal eine Pause machen wollten. Nur so zum Verschnaufen. Daß er heilfroh darüber war, hätte er nie zugegeben. Und Martin auch nicht. Krampfhaft machten sie Witze über das Gewesene, spotteten über die miese Aussicht, waren aber froh, daß ihnen der Tiefgang der Aussicht durch den Wolkenflug verborgen blieb.

Als sie aufbrachen, führte sie ihr Weg durch das Geröllfeld am Salarueljoch. Bald schon kamen sie an den Punkt, wo sie sich trennen wollten. Das Holländer-Pärchen wollte weiter in den Bergen bleiben, Martin und Robert mußten sich an den Abstieg zum Schesaplana-Haus wagen. Mit Roberts Schuhen und Martins voller Nase war an keinen weiteren Weg durch das Hochgebirge zu denken. Sie bereiteten sich auf den Abschied vor, schossen Abschiedsfotos und dankten für die Hilfe. Ehrlicherweise gestanden sie den beiden zum Schluß noch, daß sie sich niemals ohne sie durch den Steilhang gewagt hätten. Sie tauschten ihre Adressen aus, dann trennten sich ihre Wege endgültig.

71a.jpg (13746 Byte)Die Gemeinschaft trennte sich hier.  Beeindruckend vor allem die Wolkenwand im Hintergrund.

Es machte den beiden sichtlich Spaß. In munteren Serpentinen kreuzten sie staubiges Geröll auf steilem Weg nach unten. Sie hörten durch den Nebel Kuhglocken läuten. So weit konnte das nächste Grün also nicht mehr sein. Und wo Kühe waren, mußte auch die Zivilisation ganz nah sein. Dachten sie jedenfalls noch, als der Staubpfad sich in einen steilen Felsabstieg verwandelte. Wieder hing ihr weiteres Leben an einem einfachen Seil. Und obwohl die Wolken langsam der Sonne Platz machten, hing ihr Schicksal in dichtem Nebel. 73a.jpg (14240 Byte)

Betont vorsichtig kletterten sie über Felsstiegen abwärts. Sie mußten sich schon gut festhalten. Meter für Meter ging es hinab. Sie hatten kaum Zeit, Angst zu haben. Wer hätte ihnen auch helfen sollen? Verlaß war einzig auf sie selbst. Das wußten sie. Und sie taten in den steileren Stiegen, als sie wieder hinternüber dem Tod im Nacken hingen, auch nichts, was die angespannte Laune verschlechtert hätte. Nur Gott und den Weg verfluchten sie. Robert ganz nebenbei seine Schuhe. Wieder und wieder mußte er den Kompressionsriemen nachspannen, der dem Gewicht beim Abstieg nicht immer gewachsen war und sich löste.

Als die Wolken sich auch endlich gelöst hatten, wurde ihnen die Tragweite ihres Unternehmens bewußt. Der Gefreundeten beraubt befanden sie sich mit viel zu viel schlechtem Gepäck und fragwürdiger Ausrüstung in ihrem ältesten Kindheitstraum. Sie steckten in dem Abenteuer ihres Lebens. Sie gegen die Natur und sich selbst. Ein tiefes Gefühl der Sorge um den jeweils anderen kam auf. Bestimmt purer Egoismus. Denn alleine, das wußten jeder von ihnen, würde er scheitern.

Sich jede Unterstützung gewährend, hangelten sie ihre untrainierten Leiber durch das Alpenpanorama. Oft genug in lebenverspottender Gefahr. Immer aber in einer Art und Weise, die sie von jeder Camel-Trophy disqualifiziert hätte.

Gar wie traut war ihre Freude, als sie endlich auf etwas Gras traten! Die Almen würden gleich beginnen und alles würde einfacher werden. “Jetzt glaube ich Dir, wenn Du mir sagst, wir haben das Schlimmste hinter uns!”, glückstrahlte Robert Martin an, bückte sich, um den Kompressionsriemen nachzuziehen und entdeckte: Das Vorderteil seines schon geschraubten rechten Schuhs löste sich allmählich von der Sohle. “Man sollte diese Schuhe nicht Dachstein-Schuhe nennen, sondern Charlie-Chaplin-Yukon-Treter…” knurrte er. Martin war zu erschöpft und zu besorgt, um den Humor in der Äußerung noch zu erkennen.

Robert hatte noch drei Ersatz-Kompressionsriemen übrig. Da lag es nahe, daß er nun auch noch das Vorderteil seines rechten Schuhs mit einem umband und strammzog. So allmählich sah er einem Hochgebirgs-Clochard immer ähnlicher. Und er fühlte sich auch so.

Frohgemut brachen sie wieder auf. Dem Kuhglockengeläut entgegen. Als sie um die nächste Kehre kamen und einen Blick in das dahinterliegende Tal warfen, folgte ihre Mimik den Blicken. Da wartete noch einiges auf sie! Ein Schneefeld versperrte ihnen den Weg durch Lawinengeröll. Keine Kuh weit und breit. Das durfte aber auch nicht verwundern, wer hätte jemals eine Kuh bergsteigen sehen?

Martin und Robert, die als Robitou und Old Weberhand in dieses Abenteuer gestartet waren, degradierte der Anblick zu Don Weberjote und Robi Pansa. Umständlich kletterten sie über Granit hinab zum Schneefeld. Obwohl höchstens zwanzig Meter breit, machte die Schneezunge im Tal sie sehr unsicher. Das mag daran gelegen haben, daß der Weg ihnen abhanden gekommen war, wie einem gutgelaunten Konzertbesucher sein Auto. Es wäre auch zu vergleichen mit einem Olympioniken, der die ganze Zeit für die 110-m-Hürden trainiert hat, sich aber plötzlich beim 1500-m-Lauf befindet.

24a.jpg (78204 Byte)Die Schneezunge, die sie zu queren hatten, führte in einer beängstigend geraden Linie und nicht sehr einschläfernd eben direkt ins Tal. Abschätzend sahen sie die Neigung an. Ein unglückliches Ausrutschen konnte schnell das Ende bedeuten. Schweigend saßen sie am Ende ihres Weges. Es fragte sich nur, wie sie nun am besten hinübergelangen konnten. Martin dachte praktisch und lief, sich schicke Stufen tretend, über das Schneefeld. Das konnte er sich gut erlauben, trug er doch intaktes Schuhwerk. Nur Robert zauderte, den Nornen etwas gram. Er hatte ja schon vor dem Gletscher einen Heidenrespekt. Und da waren seine Schuhe ja noch richtige Bergstiefel und noch keine Trekking-Sandalen.

Darob schien Martin sein Mut eben doch etwas leichter zu fallen. Sein Pendant war nicht so entschlossen. Es dauerte etwas, bis er es schaffte, seine Stiefel gemäß der EU-Richtlinie 14, Absatz 5 zum Gebrauch von mißbrauchten Gebirgsstiefeln im Gebirge zurecht zu schnüren.

Eingedenk Roberts Schuhwerk bemerkte Martin ganz folgerichtig “Es wäre vielleicht besser, wenn Du am oberen Rand des Schneefeldes entlangkletterst. Da kannst Du nicht wegrutschen.”

Dies war eine sehr gute Idee. Robert eilte sofort los. Seit dem Gletscher war er allem Weißen erstmal spinnefeind. Kein bißchen umständlich bekletterte er die schroffen Steinklumpen, das Schienbein immer an die halbmeterhohe Schneedecke gepreßt. Fachmännisch krallte er sich panisch im Gestein fest, wenn Höhlen tief unter den Schnee führten und hievte sich und seinen Rucksack elegant wie ein Sattelschlepper über die Höhleneingänge hinweg.

Reise-Tip Nr. 10

Stellen Sie stets sicher, daß Sie dem jeweiligen Wanderweg folgen. Das ist immer die sicherere Alternative zum Tod.

Martin saß schon längst am anderen Ende des halsbrecherischen Übergangs, wo der Weg sie wieder in Empfang nahm. Sich tunlichst nicht vom lockeren Geröll unter das Schneebrett ziehen zu lassen, das war Roberts Hauptbestreben. Wäre ja auch echt peinlich gewesen, dem Schneetod ohne echte Lawine anheimzufallen.

So gelangten sie über das weiße Unheil auf die andere Seite, wo der Weg nun wieder aufwärts führte. Langsam gerieten sie in Hitze. Der Himmel war nun völlig aufgerissen. Die Aussicht in die Ferne verlor sich zwar noch in einer dunstigen Schweiz, jedoch die nach unten war alles andere als unklar. Ein Fehltritt reichte und man konnte zerschmettert oder sonstwie tot einige Meter weiter unten landen. So besannen sie sich extra darauf, den steil nach oben führenden Steig besonders konzentriert anzugehen. Und sie taten gut daran. Bange Blicke hafteten auf Roberts Schuhen. Oder besser gesagt, auf seinen Kompressionsriemen. Zwar waren sie etwas verlehmt und strapaziert, sie scheuerten sich wider Erwarten auf dem harten Felsen nicht durch.

Nur mußte er jetzt auch noch das Vorderteil des linken Schuhs kraftvoll gürten. Seine ehemals heldenhaften Bergstiefel waren zu einem einzigen, schlampigen Schuhmacher-Alptraum geraten. “Ich bin heilfroh, wenn wir hier lebend herauskommen.” resignierte er etwas. Schweigend nickte Martin, der tatenlos mit ansehen mußte, wie das Geschick mit ihnen waltete.

Sie umgingen den nächsten Bergrücken relativ aufwärts laufend, gespannt, welche Aussicht sich ihnen nun zeigen würde. Endlich die Kühe zu den Kuhglocken? Ein besser ausgebauter Weg? Martin lief voraus. Anhand der Schultern konnte Robert schon ahnen, daß es nicht gut um sie stand. Sie fielen doch erstaunlich rasch auf den Boden und trafen sich mit Martins Unterkiefer zu einem fröhlichen Picknick. Martin ließ den Wind in seinen Schlund pfeifen und stand starr. Sein Freund drängte sich vor. “Autsch, nimm den Fuß von meinem Gemüt!” jammerte Martin.

“Oh, entschuldige!” stotterte der. “Aber dann laß es eben nicht überall herumliegen!” Eine Sekunde später verstand er Martin. Es wartete eine neue, ungleich breitere Schneezunge auf sie. Der Steig sollte sie in Steilwandklettermanier hinabführen, wo in der Talsohle das Schneefeld begann. Dahinter lag Geröll. Und die Fortsetzung des Weges war nicht zu sehen. Es ging aber augenscheinlich nur wieder um den nächsten Bergsattel herum in ein neues ungewisses Abenteuer. Vielleicht aber auch in normalere Wandergefilde. Und umkehren konnten und wollten sie beide nicht. Denn das hieße ja, wieder durch die Gneiswand klettern, wieder den Gletscher queren, wieder hinab zum Lünersee. Es gab nun nur den einen Weg. Und der lag nun vor ihnen. Sie konnten ihn zwar nicht sehen, doch er mußte dort unten im Tal irgendwo doch sein. The answer my friend, is blowing in the wind, summte es von irgendwo her.25a.jpg (38085 Byte)

Die Verzweiflung trieb sie weiter voran. An Seilen hängend mühten sie sich hinab in den Rachenraum der Schlucht. Dreißig Meter hingen sie manches Mal über dem nächsten Boden in der Wand und hofften auf ihr Glück. Als sie unten ankamen, war ihnen einiges davon angediehen.

Über das Schneefeld würden sie nicht kommen. Klar, Martin schon. Nur der schwergewichtige Robert hatte mit seinem Doppelzentner und seinen Emmentaler Käse-Mokassins schon ein nicht mehr so leichtes Spiel. Nervös suchten sie eine möglichst nahgelegene, möglichst enge Stelle zur Querung. Sie saßen, nicht nur der Landschaft zuliebe, ein wenig auf den letzten festen Felsbrocken und beratschlagten die Situation. Nicht die Ausweglosigkeit der Situation, wohl aber, wie man ihr am besten begegnen konnte. Daran taten sie weise und wohl. Ausweglosigkeit gab es nicht in ihrem persönlichen Duden. Und wenn sie starben, dann hatten sie zum Aufgeben noch immer genug Zeit.

Martin wies etwas bergab auf eine Stelle hin, die sich zur Querung hervorragend eignete. “Da unten können wir es wagen. Da ist es recht eng. Das Problem wird nur sein dahinzukommen.”

Damit hatte er recht. Denn an den Seiten des Schneebrettes war nichts mit Klettern. Der Fels hing dort über. Sie mußten also auf dem Schnee selbst bergab laufen. Eine Geröllhalbinsel ragte dort in die weiße Rutschbahn hinein. Martin ging wieder vor, damit Robert seine Fußspuren zu wenigstens etwas Halt nutzen konnte. Diese Idee war so sinnvoll, wie ein Nashorn in den Spuren eines Nilschweins laufen zu lassen. Martin hatte sich noch nicht richtig häuslich auf der Halbinsel eingerichtet, da konnte er beobachten, wie sein Kollege elegant ausrutschte, sich auf den Hosenboden setzte und mit einem mehr oder weniger verblüfften “Juhuuu!” ungebremst auf ihn zu raste.

Hundertvierzig Kilo auf harschem Schnee können einiges. Am besten beschleunigen. Dessen entsann sich auch Robert, als das Grinsen seines Freundes nicht nur immer näher kam, sondern in Sekundenbruchteilen auch einfror und sich seine Hände schützend hoben, die nahende menschliche Kanonenkugel abzuwehren. Nicht nur ungebremst, sondern sich auch noch weiter beschleunigend, raste Robert seinem Freund in die Arme und bremste gekonnt mit den Knien im Geröll. Voll Bewunderung für diese Meisterleistung meinte Martin “Wolltest Du jetzt Dich oder mich umbringen?”

Robert grinste harmlos. “Ich dachte, ich könnte Zeit sparen, wenn ich rutsche.” Dabei rieb er sich die Knie, mit denen er im Schotter gestrandet war. Hinter dem Schotter konnte er weiter bis ins Tal rutschen. Nur dann nicht mit 25 km/h, sondern mit dem Zehnfachen davon. Eine kurze Überprüfung der “Schuhe” zeigte, daß ihnen nichts Unrechtes geschehen war. Die Kompressionsriemen hielten bombensicher. Bis auf das ständige Nachspannen war eigentlich nichts an ihnen zu bemängeln. Sie erfüllten nicht nur ihren Zweck, sondern noch viel mehr darüber hinaus. Die Idee des Kaufes erkor Robert zu seiner besten Idee des Jahres. Jedoch die der Bergtour zur schlechtesten. So nah liegen Wohl und Wehe im Leben manchmal aneinander.

Sich von Rosseshufen zertreten fühlend, begaben sie sich wieder auf ihre Beine und gaben sich Mühe, das Schneehindernis an seiner engsten Stelle zu queren, ohne dem anderen die Angst zu zeigen. Scheue Blicke erhaschten kurze Aussichten das Schneefeld hinunter. Da hätte die Rutschpartie hunderte von Metern unter ihnen geendet. Und sie hatten nicht mal Wanderstöcke, auf die sie sich hätten stützen können. Es blieb ihnen nur ihr überbeanspruchtes Gleichgewichtsgefühl.

Glücklich gelangten sie auf die andere Seite. Indes wurde ihnen klar, daß sie sich zwar wieder auf dem Wanderweg befanden, der jedoch vor einer abgebrochenen Lehmkante endete und zwei Meter über ihnen sich erneut um den nächsten Hügel herumschlang. Immerhin existierten hier wieder die ersten Formen von Flora und das machte ihnen genug Mut. Tapfer erklommen sie mit ihren Bärenkräften auch noch den gefährlichen Überhang, gierig darauf, endlich aus dieser Bergwelt herauszugelangen. Und möglichst heil natürlich. Bereits vier Stunden kletterten sie schon kopflos durch das geländerlose Gelände.

Martin schwieg eisern. Wer konnte es ihm verdenken? Bis jetzt war es immer etwas schwieriger geworden. Und irgendwann weiß man, wann man seine Glaubwürdigkeit nicht mehr aufs Spiel setzen sollte.

Begierig auf die endlich rettende Aussicht liefen sie erneut um den Hang herum. Doch wurden sie wieder enttäuscht. Wieder gerieten sie nur in ein Seitental. Wieder lauerte eine überdimensionale Schleudergefahr am Grund. Wieder wurden sie grimmig, als sie das Grause sahen. Martin stöhnte auf “Nimmt das denn überhaupt kein Ende?” Ihm wurde keine Antwort zuteil. Mit routinierter Angst stiegen sie ohne weiteres Klageleid über einen recht bequemen Felsweg hinab zur Talsohle und setzten sich entkräftet an den Anfang des Schneeübergangs.

Sie waren zu schwach, um nun noch weiter neue, sicherere Wege abseits des Wanderweges zu suchen. Sie saßen nur wortlos vor dem Schnee und starrten ihn hypnotisch an. Vielleicht würde er ja schmilzen… Haßerfüllt genug waren ihre stieren Blicke ja. Leider glaubten das auch nur ihre stieren Blicke. Der Schnee lachte sich nur darüber kaputt. Sowas Trostloses hatte er schon lange nicht mehr gesehen.

Müde zerrte der Bärtige seine Riemen zurecht. Dabei war er besonders sorgfältig, fiel es so doch gar nicht auf, daß er einfach nicht mehr weiter konnte. Oder wollte. Oder sollte. Oder wie auch immer. Er war an der persönlichen Nipptide seiner Gezeiten-Regelung. Wenig engagiert schwappte eine Woge des Überlebenswillen gegen die Kaimauer seines Herzens. Warum, so fragte er sich, waren sie nicht an der Nordsee Fischbrötchen testen? Wieso fuhren sie nicht einfach in den Donauauen Kanu? Weshalb zogen sie sich nicht einfach ein paar töfte Videos rein? Und wie konnte es sein, daß sie vier Stunden unbeholfen durch die Felsklüfte kletterten? Und immer noch lebten?

Robert sah auf. Martin war schon längst auf der anderen Seite des steilen Schneebretts. Dort wartete er in der Sonne, schaltete auf Stand-by. Nur er saß noch am Anfang. Nein, das würde er nicht schaffen. Die Schuhe hinüber, die Laune verdorben und ein tiefes Gefühl der Angst vor haltlosem Abrutschen in eine dann mehr als fraghafte Zukunft. Eine Zukunft aus einem kurzen Geschwindigkeitsrausch und einem langen Aufenthalt in irgendeinem Schottergestein.

Und zurück wäre es das gleiche gewesen. So rüstete er sich zurecht, stand auf und setzte einen hoffnungsbaren Schritt in den Schnee. Ein Hauch Belastung und er rutschte weg.

Kurzer Blick hinüber zu Martin. Der döste. Eigentlich gut. Dann würde er auch nicht Zeuge der nun folgenden unalpinistischen Fortbewegung werden… Denn die Tatsache, daß Robert sich nur noch auf den geschraubten Absatz seines rechten Schuhwunders verlassen konnte, machte es unumgänglich, daß er sich damit Fußstapfen in den Harsch trat. Sonst mußte er ja riskieren, seine einzigen Fußkleider rettungslos einzubüßen.

Wenig mannhaft schob er sein Hinterteil vorsichtig auf die gefährliche Unterlage, stützte sich mit den Armen ab und trat sich einige Dezimeter weiter links mutig eine Stufe in den Schnee. Klappte ganz gut. Hacke-Tritt-Hintern rüber-Rechtes Bein nachziehen-Abstützen. Ein Procedere, das ihn dünkte, sicher auf der anderen Seite anzugelangen.

Er war schon drei Meter vorangekommen, da verdoppelte sich der Arbeitsgang zu Hacke-Tritt-Hintern rüber-Rechtes Bein nachziehen-Abrutschen-Panisch festhalten-In die Tiefe glotzen-Beten-Stilliegen-Abstützen. Sein Herz bebte vor Angst. Zwei weitere Versuche später war er bereit zu sterben. Wenn sie ihn jemals im Madame Thussaud´s ausstellen würden, dann hoffentlich nicht in dieser Haltung. Er fand sich nicht eben gelungen. Die Arme beide weit nach hinten überstreckt, die Augen aufgerissen, der Mund eher parkuhrschlitzig, die Ohren angelegt, die Knie fast gekreuzt und die geflickschusterten Schuhe krampfhaft in den Schnee gestemmt.

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