Metanoeite! 10
10. Metanoeite!
“Ihr seid noch jung”, erwiderte Athos, “und Eure bitteren Erinnerungen haben Zeit, sich in süße Erinnerungen zu verwandeln.” (aus Alexandre Dumas, Die drei Musketiere)
Weiße Cumuluswolken zogen träge über das spätnachmittägliche Fürstentum inmitten der Alpen. Unter dem lichten Blattwerk einer Birke lagen satt und zufrieden die beiden Protagonisten alpiner Debilität.
Martin wickelte via Ohrly Geschäfte daheim ab, während Robert das zu angeberisch erschien und er lieber ein gutes Buch las. Die Pause war ihren vernarbten Seelen Wohltat. Und das einzige, was sich um sie herum bewegte, war nicht Landschaft, sondern nur die Wolken. Abgesehen von den Mundwinkeln der wachhaften Tripelallianz in den Gartenstühlen am Eingang des Platzes. Die sanken immer tiefer im gleichen Maße wie die Zeit sich ausdehnte, die Martin und Robert sich auf dem Boden fläzten. Da lungerten nämlich Menschen in der Blüte ihrer Jugend herum, anstatt arbeitsam der Gesellschaft zu nützen…
Der Abend kam ins Land. In seinem Gefolge befand sich auch eine bohrende Lust auf Süßigkeiten. Und die stürzte sich auf Martin. Dem armen Kerl blieb auch nichts erspart…
“Laß uns einen Laden suchen. Eine Tankstelle reicht mir schon. Ich brauche jetzt irgendeine Nervennahrung.” “Meinst Du denn, Liechtenstein hat überhaupt eine Tankstelle?” “Mir doch egal. Und wenn ich in die Schweiz laufen muß.”
Das war eindeutig. Es schreckte seinen Spießgesellen nicht. Denn die Schweiz war jetzt weniger als einen Steinwurf entfernt. Streitkühn stampften sie die Flur. Regenwolken brauten sich über ihnen zusammen. Sie kamen aus der Richtung des Schesaplana. So ganz hatte ihnen der Berg noch nicht vergeben.
Da sie nicht einfach blind eine Straße entlanglaufen wollten, ohne zu ahnen wo ihre heißgeliebte Tankstelle war, fragten sie eine Einheimische. Leider lag die nächste Tankstelle nicht in der Schweiz, sondern noch in Liechtenstein. Schon nach drei Kilometern, so die Verheißung, würden sie diese finden. Sie liefen in die ausgewiesene Richtung und es war Martin sogar egal, daß er laufen mußte. Bisher war es ihm immer sehr zuwider gewesen. Kaufsucht kann einen Menschen doch sehr verändern. Gespannt waren sie nur darauf, was man sich in Liechtenstein unter einer Tankstelle vorstellen mußte. Sie schlossen Wetten darauf ab, ob sie eine oder zwei Milchkannen vorfinden würden.
Vierzig Minuten später waren sie endlich am Ziel. Gefällige Supermarktkühle umwehte ihre schnüffelnden Riechkolben. Vermutlich war der Tankwart auch der größte SB-Markt weit und breit. An den vielen Schokolädchen, Gummibärchen und Cola-Dosen konnten sie sich gar nicht satt sehen. Instinktiv sprang Martin zur Lakritz-Theke, sog herzhaft den Duft der Leckerei auf und langte ordentlich zu. Sie gönnten sich jeder sogar noch ein Eis und verließen die Tankstelle befriedigt wieder.
Völlig unbefriedigend war nur der Wolkenbruch, der sich inzwischen über der Tankstelle entlud. Aber auch hier lachte ihnen wieder das Glück. Ein zum Wohnmobil umgebauter VW-Bus aus Deutschland fuhr auf die Tankstelle. Der Fahrer stieg aus und tankte harmlos, während die beiden strahlenden Heroen sich darüber unterhielten. ob der sie nicht zum Campingplatz zurückbringen könnte. Hätte der Fahrer gemerkt, wie angeregt über ihn diskutiert wurde, er hätte wohl bestimmt umgehend die Flucht ergriffen. Zwei Unbekannte, die wie Strauchdiebe aussahen und wie Strauchdiebe Eis aßen, hatten bestimmt auch nur strauchdiebiges im Sinn.
Wie immer schlug in solchen Fällen Martins Frechheit Roberts Anstand. Schnurstracks lief er hinterlistig grinsend auf den Ahnungslosen zu und sprach ihn schräg von der Seite an, daß Robert schon fürchtete, sein Freund würde gleich von einer Schrotflinte niedergestreckt werden. Wie immer hatte Martins impertinente Art auch hier Erfolg und ehe sie sich´s versahen, waren sie schon auf vier Rädern unterwegs zum Campingplatz.
Die Rückkehr war ein Bild für die Götter. Klar, nicht für so die ganz großen Götter, die Odins, Manitous und Zeus´, wohl aber für die Athenes, Plutos und Freyas unter denselben. Denn selbst im Regen saßen noch immer die drei Torwächter - diesmal geschützt durch einen Unterstand - auf ihren Gardena-Gartenstühlen und erörterten dies oder jenes. Da sie den beiden beim Aufbruch schon mißtrauisch hinterhergeschaut hatten (zwei so junge Männer ohne Frau konnten ja nur vom anderen Ufer kommen…), waren sie nun natürlich noch verblüffter. Die beiden waren ja immerhin zu zweit losgegangen, nun kamen sie mit einem dritten (!) Mann zurück, der sie in einem Campingbus (!) brachte. Da spielten die Mundwinkel der Gesippe ja schon Jojo. Als dann auch noch offensichtlich war, daß die zwei beim Aussteigen jede Menge Süßigkeiten in der Hand hielten, wagten ihre unteren Augenlider Bungee-Sprünge. Alles in allem wirkten die wachsamen Gesichter dadurch eher ein wenig scheel.
Kichernd und feixend verschwanden die güldensten Helden unseres Zeitalters im Zelt und schliefen sich der Heimat entgegen. Natürlich nicht, ohne noch weitere Mutmaßungen darüber auszutauschen, was die Besitzer des Platzes wohl für Gedanken gehegt hatten.
Recht unspektakulär brach ein neuer Tag an. Diesig war die Luft und kärglich ihre Kost. Denn sie frühstückten gar nichts. Eine fixe Idee hatte ihnen eingetrichtert, sie sollten unterwegs an der nächsten Bäckerei halten und dort etwas essen. Sie hatten auch keinen besonderen Appetit verspürt. Seit Martin seinen grüngefärbten und geheilten Zeh vom Spitzwegerich-Verband befreit hatte, ließ der Hunger auf sich warten. Immerhin schwor Martin von diesem Tag an auf Spitzwegerich.
Sie brachen das Zelt ab und begaben sich den Rhein hinab auf Wikingfahrt zur nächsten Bäckerei. Zwar völlig ohne Drachenschiff, doch trotzdem beeindruckend.
In einem begradigten Flußbett begleitete sie der Rhein zwischen zwei Radwegen entlang. Dieser etwa zehn Meter breite und selten mehr als einen halben Meter hohe Fluß sollte der Rhein sein? Die Karte nickte eifrig und nicht unstolz.
Hemmungslos liefen sie etwa eine Dreiviertelstunde nach Norden. Bis ihnen ein Ort einladend genug erschien, dort mal nach einer Bäckerei zu fahnden. Es war ja auch schon 11 Uhr und reichlich an der Zeit zu frühstücken.
Ein verschlafenes Dörfchen namens Ruggell mit großzügigen Einfamilienhäusern wartete auf sie. Und eine Bäckerei. Sogar eine Bushaltestelle. Eine unschlagbare gastronomische Kombination. Denn an Bushaltestellen konnte man sitzen und essen.
Martin lief los, ein paar Brötchen zu erlegen, während Robert schon den Frühstückstisch deckte. Ein sehr gemütlicher Frühstückstisch. Zwischen glotzenden fahrradfahrenden Kindern, Ameisenstraßen und haltenden Bussen. Da saß er dann mit aufgerissener Cervelatwurst-Packung, warmer Magarine und einem traurigen Rest Camembert.
Natürlich war die Enttäuschung (und Roberts Aufregung) groß, als Martin in der Bäckerei nur ein Brötchen gekauft hatte und mit merkwürdig anmutendem Liechtensteiner Backwerk des Weges kam. “Die hatten nur noch EIN Brötchen!” war seine Ausrede, was nur dazu führte, daß sein Genosse wilde Tanzsprünge indianischen Ursprungs aufführte, die alle nur dazu dienten, verräterische Krümel an Martins Kleidung zu entdecken. Das Unglaubliche schien jedoch zu stimmen. Da hatte eine Bäckerei um 11 Uhr morgens nur noch ein Brötchen zu verkaufen. Martin bewies jedoch Humor. “Stell Dir vor, gleich kommt der Bäcker aus der Backstube und fragt, wer das andere Brötchen gekauft hat…” Sie fügten sich ins Unvermeidbare. In der Not…mag auch der Teufel keine alte Cervelatwurst auf einem perfide trockenem Pseudo-Croissant.
Schnell einigten sie sich darauf, dies bahnlose Land schnellstmöglich nach Norden zu verlassen. Die nächste Bahnlinie war in der Schweiz. Der nächste nördliche Grenzübergang führte nach Österreich, ins Vorarlberger Land. Von dort würden sie dann eben in die Schweiz wechseln. Eine dreistündige Wanderung wartete auf sie. Aber Zeit hatten sie ja nun genügend.
Zuerst war das Wetter ja noch stabil, doch nachdem sie die Grenze zur Schweiz, und damit den Rhein überquert hatten, änderte sich das. Die ersten Tropfen fielen und es sah allgemein nach dem Wetter aus, vor welchem sie ja schon überhaupt aus Deutschland geflohen waren. So erreichten sie bald einen Bahnhof der Schweizer Bahn. In einer guten Dreiviertelstunde sollte ihr Zug fahrplanmäßig losfahren. Nach St. Margrethen. Und von dort sollte es dann weiter nach Bregenz gehen. Das lag dann schon wieder in Österreich. Und von dort nach Lindau. Eine Nacht wollten sie wieder hinter der Grenze zubringen, dann wollten sie zurück ins Ruhrgebiet. Ein einfacher Plan.
Nur kam statt des Zuges nach St. Margrethen nach einer Viertelstunde ein Schaffner herbei, der die beiden darüber aufklärte, daß der Personenverkehr von dem hiesigen Bahnhof schon seit einem Jahr keine Notiz mehr nahm. Busse verkehrten von der Haltestelle, die etwa 300 Meter entfernt war. Vor Begeisterung fielen sich beide beinahe jubelnd in die Arme. Immerhin hatten sie ja schon so einige Busse auf der Straße nach Norden fahren sehen. Alle schon vorbei.
Tröstenderweise brachte ihnen der Schaffner zwei Tassen Kaffee aus seinem Büro und verbreitete heitere Gelassenheit. Sie kamen ins Gespräch und erfuhren, daß ein Schaffnerleben ohne Fahrgäste und Personenzüge nicht besonders aufregend sei, außer wenn man Busfahrkarten verkaufe. Und daß sein Job von Fahrkartenautomaten bedroht sei. Und nein, von Kaffeemaschinen fühle er seine Existenz nicht bedroht. Nach langer Wanderung kam ihnen dieser freundliche Mensch gerade recht. Und sie fragten sich natürlich auch, ob ihnen ein Fahrkartenautomat jemals Gebäck zum Kaffee gereicht hätte. Hatte bisher noch keiner…
Als es an der Zeit erschien, verabschiedeten sie sich höflich und begaben sich zur Bushaltestelle. Ermattet fanden sie sich bald im Bus wieder und erlebten die Fahrt im seligen Dämmer, daß sie bald zuhause waren.
Haltestellen, Bahnhöfe und Grenzen flogen an ihren Augen vorbei. Fremde Menschen warfen Spiegelbilder auf ihren Augäpfeln. Die waren aber so klein, daß sie niemandem aufgefallen wären.
Am Nachmittag waren sie zurück. Zurück im Land der Deutschen. Lindau nahm sie ein weiteres Mal in Empfang. Diesmal nicht mit ägyptischer Finsternis, sondern mit Licht, Schließfächern und satten Sonnenstrahlen. Sie taten etwas, das sie sich oben in der Gipfelwelt vorgenommen hatten. Und sie taten es ohne Pathos.
Still und leise zündeten sie in einer der Lindauer Kirchen Kerzen an. Als kleines Dankeschön an irgendwelche Mächte, die sie hatten überleben lassen.
Schnell fanden sie sich in einem gemütlichen, sonnendurchfluteten Café am Lindauer Hafen wieder. Endlich mal wieder nur einfach sitzen, ein Bierchen trinken (kühl, versteht sich) und die Leute beobachten, aber nicht mit ihnen reden müssen. Ihre eigene Zivilisations-Quarantäne.
Die Ufer-Promenade in Lindau war gut gefüllt mit allerlei Menschen. Sie liefen umher, flanierten, führten Hunde, Kinder und Eishörnchen spazieren. Ausflugsschiffe zogen ihre Bahnen auf dem blauen Wasser, Masten von Yachten schwankten im Spiel der Wellen. Friedlich balgten sich Hunde mit Kindern und Möwen um heruntergefallene Eishörnchen. Drei merkwürdig gekleidete Musikerinnen spielten ein schönes Lied. Und sangen dazu.
Zurück in der Zivilisation?!
Nach einer halben Stunde sangen sie noch immer das gleiche Lied. Nicht daß es eintönig wurde. Dazu war der Text zu interessant. Sie hatten zwar nicht genau hingehört, aber es handelte ungefähr davon, daß sich ein Harry Krischner gern Rama in die Haare schmierte. Belustigt prosteten sie sie sich zu.
Um sie herum ging das Touristen-Getümmel weiter. Da die drei nicht nur irgendwie merkwürdig gekleidet waren, sondern sich auch durch ihre friedlichen Gesichter völlig vom Tagesgeschehen lösten, lag der Verdacht nahe, eine Glaubensgemeinschaft indischen Ursprungs gäbe dort ihr musikalisches Stelldichein. Das Argument, das am meisten dafür sprach, war die Tatsache, daß selbst nach einer Stunde sich weder an der Musik noch am Text etwas geändert hatte.
Nach anderthalb Stunden wurde es bald lästig. Aber da fand sich auch schon eine muntere Menge auf dem Platz ein. Und die sangen dann auch noch mit. Jetzt war klar, daß hier die Hare-Krishna-Jünger missionierten. Ein buntes, junges Volk schwemmte sich drehend und tanzend vor´s Café.
Kellner Jussuf S. nach 90minütiger Gehirnwäsche. Der Sektkübel auf seinem Kopf trug einiges zur schnellen Zahlungsbereitschaft der Gäste bei.
Die beiden trutzstarken, kampfgestärkten Helden flohen. Sie waren erst diese Woche missioniert worden.
Erstellt am Freitag 28. November 2008
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